Live im Happel-Stadion

Justin Timberlake: Der Tanzparty fehlte es an Herz

Musik
15.07.2025 00:58

Den Fall der letzten Jahre versucht Entertainer Justin Timberlake gerade mit einer üppigen Live-Tour zu stoppen. Mit seiner Hit-Revue machte er Montagabend im Wiener Happel-Stadion Halt. Musikalisch über alle Zweifel erhaben fehlte es der Show aber an Herz und dem Künstler an Motivation. So bleibt ein solider Auftritt, bei dem weit mehr drin gewesen wäre.

kmm

Erst einmal warten heißt es Montagabend im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Nachdem US-Schnuckel Justin Timberlake das letzte Mal vor sieben Jahren bei uns konzertierte, kommt es auf die eine oder andere Minute mehr aber auch nicht mehr an. Die Kulisse ist relativ karg, aber doch besser, als lange befürchtet. Rund 30.000 Fans sollen sich laut Veranstalter im gesamten Oval einfinden, die Oberränge bei den Sitzplätzen bleiben leer und verdeckt und auch im Stehplatzbereich kann man sich auf einem Großteil der Fläche fast so frei bewegen wie frühlings im Stadtpark. Eine gar nicht so unangenehme Situation für die Besucher, die – im Gegensatz zum Robbie-Williams-Konzert letzten Samstag – auch nicht um ihre Diamond Circle- und Golden Circle-Plätze vor der Bühne bangen müssen. Es geht alles souverän und ohne Reibereien seinen Gang.

(Bild: Andreas Graf)

Big-Band als geheimer Star des Abends
Um 20.50 Uhr bewegt sich dann auch der Star des Abends auf die große Bühne - davor aber seine fulminante Band, die Tennessee Kids. Nicht weniger als 14 Personen unterstützen Timberlake und sorgen während des Konzerts für musikalisch wertvolle Big-Band-Momente. Wundervolle Bläsersätze inklusive zentnerschwerer Tuba, Background-Vokalistinnen, ein passgenau aufspielender Schlagzeuger und eine gerne in die R&B-lastigen Songs grätschende E-Gitarre überraschen so manchen Fan, der sich von einer Timberlake-Show etwas anderes vorgestellt hätte. Etwa ein Minimum an Personal, Musik, die vom Band kommt und ein dauerzappelnder Frontmann, der sich verzweifelt an seine eigene Legende klammert. Zumindest Letzteres ist nicht völlig von der Hand zu weisen, denn die ganz großen Zeiten des Amerikaners sind vorbei. Vor allem die letzten zwei Jahre haben dem Sonnyboy ganz schön zugesetzt.

(Bild: Andreas Graf)

Zuerst attackierte ihn Ex-Freundin Britney Spears in ihrer Besteller-Autobiografie „The Woman In Me“ scharf und meinte, sie hätte ihr geplantes erstes Kind abgetrieben, weil er sich nicht zur Vaterschaft bereit fühlte und sie zu diesem Schritt drängte. Im März 2024 erschien sein bislang letztes Studiowerk „Everything I Thought It Was“ und floppte künstlerisch wie kommerziell, nur drei Monate später wurde er in New York besoffen aus dem Verkehr gezogen und arrestiert – das von der Polizei in dieser Nacht geschossene Foto mit Timberlakes glasigen Augen ging um die Welt. Die Flucht in eine ausladende Welttournee kam ihm gerade Recht. Nach einem ganzen Jahr in unterschiedlichsten Hallen nimmt er seine Fans nun auf die große Stadionreise mit und zündet mit der vorher erwähnten Top-Band die ganz große Geste. Anstatt auf Pyrotechnik oder überladene Effekte zu setzen, reichen Timberlake aber eine Bühne mit Steg, zwei große Videowalls und die Liebe zur Musik – mehr als löblich!

(Bild: Andreas Graf)

Er muss mehr strampeln
Das Zusammenspiel mit der Band sorgt dafür, dass schon frühe Nummern wie „Mirrors“, das mit einem harten Gitarrensolo veredelte „Cry Me A River“ oder die recht aktuelle Single „No Angels“ eine ganz eigene Klangfarbe verliehen bekommen. Während Justin im leger-schwarzen Outfit samt markantem David-Bowie-T-Shirt die fetzigen Tanzschritte aus seiner 30-jährigen Karriere reanimiert, zeigen seine Mitmusiker ihr Können. Da ein perfekt gesetzter, stringent gespielter Funk-Bass. Dort wieder ein unprätentiöses Drum-Solo oder kurzes Gospel-Feeling bei den Background-Vocals, während Justin an der Bühnenfront samt cooler Sonnenbrille den großen Entertainer mimt. Mimt sei hier aber als Stichwort gesehen, denn während Robbie Williams sein Publikum zwei Tage davor nach Belieben diktierte, muss Timberlake für die Stimmung weitaus mehr strampeln. Klar, vorne geht die Luzi ab, aber hinter den Die-Hard-Fans wird es relativ schnell ruhiger, was mitunter auch der routiniert abgespulten Show zu verdanken ist.

(Bild: Andreas Graf)

Timberlake bemüht sich zwar, mit ein paar Stehsätzen über Wien und Österreich Extrajubel zu kreieren, aber Songs wie „Sexy Ladies“, „Summer Love“ oder das verkürzt gespielte „Suit & Tie“ rauschen im ICE-Tempo von der Bühne und zuweilen ein bisschen an den Menschen vorbei. Aus seinem eher starren Künstlerkorsett bricht er nur einmal aus, als er Besucherin Steffi ihr Kartonschild signiert. Nach einem überlebten Herzinfarkt dachte sie nicht mehr daran, ihren Helden je wieder live sehen zu können. Als er den zehnjährigen Elias auf die Bühne holt und mit ihm nicht nur ein Selfie für die Ewigkeit schießt, sondern auch gleich die Videokamera anwirft, um sich mit ihm in der Masse zu filmen, kennt der Jubel keine Grenzen. Es sind dies die menschlichen Momente, die sonst leider fehlen. Manch langjährige Fans stellt er auf die Geduldsprobe. Gerade dann, wenn er Songs im Medley-Takt rausdrischt, die beiden Top-Hits „Rock Your Body“ und „Can’t Stop The Feeling“ kundig, aber schnell runterbiegt oder mithilfe seines Kumpels DJ Hypes ein todlangweiliges und zeitraubendes DJ-Set mit Coverversionen in das Gesamtkonstrukt einpflegt.

(Bild: Andreas Graf)

Es fehlt am nötigen Charisma
Erweichen lässt sich sein Herz noch nicht einmal von einem rosaroten Plüschtierschweinderl, das ihm im Laufe des Sets entgegenfliegt. Timberlake lässt keinen seiner größten Hits aus, spielt ein fehlerfreies Akustikset mit „Selfish“ und dem Hit-Lied „What Goes Around … Comes Around“ und tanzt sich mit offen zur Schau gestellter Fitness und Akrobatik die Seele aus dem Leib, aber irgendwo fehlt dem Abend die Magie, weil es an den Details und dem entscheidenden Zündfunken fehlt. Etwa, wenn der Sänger andeutet, sich sehr gut an Österreich zu seinen Boyband-Jahren mit *NSYNC zu erinnern, aber nicht eine Sekunde ins Detail geht. Auch dann, wenn er mit seinem Freund und langjährigen Produzenten Timbaland (der ein schockierend langweiliges, generisches Set im Vorprogramm spielte) zu „Sexy Back“ die Bühne teilt, aber der Funke nicht überspringen will. Oder wenn er sich immer mal wieder kurz auf einzelne Fans fokussiert, die Blicke aber sonderbar leer und kraftlos wirken. Die Show hat ihre Momente, aber Justin fächert sein Charisma nicht vollständig auf. So endet das Konzert nach 90 Minuten mit dem fahlen Beigeschmack, man hätte einem tanzbaren Dienst nach Vorschrift beigewohnt. Ohne die Tennessee Kids wäre der Held des Abends manchmal ganz schön blass dagestanden.

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