Bei ihrem Österreich-Debüt am Open-Air-Gelände der Wiener Arena durfte sich die dunkle Goth-Popperin Sofia Isella Mittwochabend bereits über 2500 kreischende bis interessierte Fans freuen. Ein Abend, der nicht unbedingt leicht, aber wichtig war – und einen alternativen Top-Star der Zukunft präsentierte.
Wem Ikkimel zu derb, Billie Eilish zu süßlich und Taylor Swift zu mainstreamtauglich ist, der klickt sich auf dem Streaminganbieter seines Vertrauens gerne in eine andere Richtung und wählt Lieder von Sofia Isella aus. Die erst 21-jährige Amerikanerin steht für so etwas wie avantgardistischen Radikalfeminismus. Ihre Lieder sind durchzogen von Wut auf das Patriarchat, gesellschaftliche Ohnmacht oder religiös-frauenfeindliche Bebilderungen. Die Nachfrage nach dieser Themenpalette ist so groß, dass das Österreich-Livedebüt der Kalifornierin von der Indoor- in die Outdoor-Arena verlegt werden musste und damit zweieinhalb Mal so viele Leute wie geplant anzieht. Rund 2500 sollen sich zum erst zweiten Freiluftkonzert des Jahres versammeln, um bei noch grüner Locationwiese Trost und Verständnis bei ihrem weiblichen Heiland suchen.
Sprung zwischen den Genres
Isella kommt aus der Spoken-Word-Poetry und hat daher wenig Berührungsängste mit der Öffentlichkeit. Das merkt man nicht nur an ihren teils mantra- teils schlangenartigen Tänzen und Bühnenbewegungen, sondern auch daran, dass sie während des Konzerts gleich zweimal physisch in Tuchfühlung mit dem Publikum geht und gar nicht erst daran denkt, ihre exaltiert-theatralische Show auch nur um einen Gang zurückzuschrauben. Isellas Sound lässt sich indes nicht so leicht greifen. Mal fühlt man sich an die stringente Verletzlichkeit von Soap&Skin erinnert, dann folgt man harschen Industrial-Ausritten á la Nine Inch Nails, nur um im nächsten Moment an Amanda Palmers Theatralik in den Dresden Dolls erinnert zu werden. Manchmal beginnt sie wie wild vor sich hinzurappen, dann reichen ein Stetson und die passende Gitarre, um sich für dreieinhalb Minuten als Vorstadtcowgirl zu inszenieren. Immer mit im Gepäck: eine hauchzarte, oft nur wispernde Stimme, die ihre brutalen Inhalte zuweilen besonders sanft zu vermitteln weiß.
Sofia Isella ist der fleischgewordene Inbegriff jener Personen, die sich Themen wie Machtmissbrauch oder patriarchale Unzulänglichkeiten einprägen mussten. Ihre Lieder sind unangenehm und die langen braunen Haare verstecken die oft nervös wirkende Mimik, erinnern in Liedern wie „Hot Gum“, „Josephine“ oder „Above The Neck“ viel mehr an die Rolle der aus dem Fernseher steigenden Hexe von „Der Fluch“. Auf die derzeit auch in breiteren Pop-Gefilden so beliebte Wicca-Thematik samt unrealistischer Hexenbeschwörung verzichtet Isella bewusst. Ihr bloßes Naturell strahlt Respekt und Ehrfurcht aus. Es sind die verschiedenen musikalischen Subgenres und das Spiel mit dem Stimmtimbre, das für erhöhte Spannung sorgt. In den wenigen Momenten abseits davon unterhält sie sich gerne mit dem Publikum, erfreut sich über die guten Konzertkartenverkäufe auf der Europatour und gibt hoffnungsvolle Botschaften mit auf den Weg.
Junges Hauptpublikum
Die Fans sind zu einem großen Teil weiblich, noch nicht ganz erwachsen, mit dunklem Kajal geschminkt und ähnlich wie ihre große Heldin dem Goth-Pop-Eck zuzurechnen. Bei manchen passen noch die Eltern abseitsstehend als Anstandswauwaus auf, andere wiederum laben sich erstmals an alkoholischen Getränken und kippen trotz angenehmer Temperaturen vor Ungläubigkeit oder schierer Begeisterung aus den Latschen. Der markant größte Teil des Publikums zeigt sich aber bei jedem einzelnen Song immens textsicher und selbstbewusst, lässt sich kein A für ein U vormachen und wettert gegen den toxischen Durchschnittsmann, der allzu oft zum Sargnagel von Frauen und funktionierenden Beziehungen wird. Dass diese Seitenhiebe von Isella manchmal etwas plakativ aus dem Äther röhren, geht angesichts der visuell artifiziellen und klanglich austarierten Vorstellung locker unter. Nur einmal lässt sie ihren Kompagnon und langjährigen Geigenlehrer mit sich auf der Bühne fideln – ansonsten kommt der Sound aus der Konserve und es regieren die Lichteffekte.
In „Man Made“ wettert sie inbrünstig gegen von Männern gemachte Regeln, „Everybody Supports Women“ spricht darauf an, dass man Frauen im Leben immer die Karotte vor die Nase hält, ihnen aber nie das gibt, was ihnen zusteht und „Sex Concept“ lässt ohnehin wenig Interpretationsspielraum zu. Dass Taylor Swift sie einst für sich in Wembley das Konzert eröffnen ließ zeigt, welche Wirkung Isella bereits im Mainstream hat. Sie ist so etwas wie der düstere Zwilling des blonden Superstars. Eine Art Schwester im Geiste von Billie Eilish, die es aktiv darauf anlegt zu verstören und zum Nachdenken zu bringen und sich nicht damit begnügt, pikante Themen nur interessehalber anzuschneiden. Jeder Quadratzentimeter der Künstlerin schreit nach schockierendem Kunstkonzept, doch in dieser Verarbeitung stecken auch viel Schmerz und Unsicherheit. Ein Sofia Isella-Konzert ist für beide Seiten intensiv.
Keine aufgeweichten Strukturen
Wohl gewählt war zudem auch das Vorprogramm, wiewohl die beiden Acts in puncto Intensität nicht mithalten konnten. Die queere Berlinerin Cloudy June macht gerade einen rasanten Karriereaufstieg durch und lässt, bis auf die Gitarre, auch sämtliches Instrumentarium (wohl aus Spargründen) vom Band laufen. Ihre düsteren, aber dennoch eindringlichen Popsongs erzählen von Machtmissbrauch und Feminismus. Sie erzählt dazwischen schockierende Geschichten von übergriffigen Managern und Plattenproduzenten und bekräftigt damit, dass alte Strukturen noch lange nicht aufgeweicht sind. Der aus dem Großraum Manchester stammende Seb Lowe eröffnet den frühlingshaften Abend mit Geigerin und Folk-Punk-Wut, die zuweilen an Künstler wie Billy Bragg, Brian Fallon oder Bruce Springsteen ohne Band erinnern. Sei Zeigefinger geht über ins Tagespolitische, nur zuhören tun ihm so früh am Abend noch wenige. Die Dringlichkeit ist an diesem Abend aber durchgehend zu spüren.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.