14.07.2013 16:16 |

Teenager erschossen

Fall Trayvon Martin: Große Empörung nach Freispruch

Für Verwunderung und Fassungslosigkeit - vor allem innerhalb der afroamerikanischen US-Community - hat das Urteil im Prozess um den Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin (Bild li.) gesorgt. Die Geschworenen hatten den angeklagten Nachbarschaftswächter George Zimmerman (Bild re.) nach 16-stündigen Beratungen freigesprochen. Die sechs Mitglieder der Jury kamen am Samstagabend zu dem Schluss, dass Zimmerman nicht des Totschlags an dem unbewaffneten Jugendlichen schuldig sei - er habe vielmehr in Notwehr gehandelt.

"Herr Zimmerman, ich habe das Urteil unterschrieben, das die Entscheidung der Jury bestätigt. Ihre Kaution wird aufgehoben. Ihre GPS-Überwachung wird abgeschaltet, wenn Sie den Gerichtssaal hier verlassen. Sie haben nichts weiter zu tun mit dem Gericht", sagte Richterin Deborah Nelson. Der 29-jährige Zimmerman lächelte kurz, erschien sonst aber eher unbewegt. Seine Familie hinter ihm freute sich dagegen sichtlich. Die Familie von Trayvon Martin war nicht im Saal.

Die sechs Frauen in der Jury, darunter fünf Weiße, mussten einstimmig über Schuld und Unschuld des angeklagten Nachbarschaftswächters entscheiden. Sie begannen die Beratungen am Freitag, vertagten sie aber nach kurzer Zeit auf Samstag. Zuvor hatten die Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Schlussplädoyers gehalten. Bei einem Schuldspruch wegen schweren Totschlags drohte Zimmerman lebenslange Haft. Zuletzt befand er sich gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freiem Fuß.

Zimmermans Anwalt Mark O'Mara begrüßte das Urteil. "Offenkundig sind wir verzückt über das Ergebnis. George Zimmerman war niemals wegen irgendetwas schuldig, außer sich in Notwehr verteidigt zu haben", sagte O'Mara.

"Dies ist das Ende unseres Rechtssystems"
Die Demonstranten, die sich vor dem Gericht versammelt hatten, um "Gerechtigkeit für Trayvon Martin" zu fordern, reagierten dagegen empört auf das Urteil. "Dies ist das Ende unseres Rechtssystems. Die Justiz ist nicht für alle gleich", sagte nach der Urteilsverkündung etwa der 20-jährige Ashton Summer.

Überhaupt herrschten nach dem Urteil vor allem in der afroamerikanischen US-Community Verwunderung und Fassungslosigkeit. Die Menschenrechtsorganisation NAACP teilte mit: "Wir sind empört und untröstlich über das Urteil." Zudem gab es spontane Protestmärsche in den Metropolen San Francisco, Philadelphia, Chicago, Atlanta und in der Hauptstadt Washington.

"Eine Ohrfeige für das amerikanische Volk"
Bürgerrechtler Al Sharpton nannte das Urteil auf Facebook "eine Ohrfeige für das amerikanische Volk". In Sanford waren aus Sorge um mögliche Gewaltausbrüche Hunderte Polizisten im Einsatz. Der bekannte Bürgerrechtler Jesse Jackson rief auf Twitter dazu auf, "in dieser Zeit der Verzweiflung" friedlich zu bleiben.

Zahlreiche Prominente wie etwa die Schauspielerin Mia Farrow sowie Sportstars reagierten geschockt. "Wow!!! Fassungslos! Traurig als Vater!!!", twitterte zum Beispiel Dwyane Wade vom NBA-Meister Miami Heat. Spieler der Basketballmannschaft hatten bereits im März 2012 mit einer Fotoaktion der Familie Martins Mut gemacht. Tief verhüllt in Kapuzenpullis hatten sie ein Bild von sich im Internet verbreitet.

Martins Eltern bedankten sich für die Unterstützung der vergangenen Monate. "Auch wenn mein Herz gebrochen ist - mein Glaube bleibt unerschüttert, und ich werde mein Baby Tray immer lieben", schrieb Vater Tracy Martin auf Twitter.

Prozess von Rassismusverdacht überschattet
Zimmerman hatte den 17-jährigen Trayvon Martin am Abend des 26. Februar 2012 auf einem Patrouillengang in Sanford im US-Bundesstaat Florida erschossen, nachdem es in der Gemeinde eine Reihe von Einbrüchen gegeben hatte. Der unbewaffnete Jugendliche befand sich auf dem Weg von einem kleinen Einkauf nach Hause. Zimmerman beteuerte vor Gericht, dass Martin ihn zuerst attackiert habe. Der Fall sorgte in den USA für großes Aufsehen, da der Verdacht bestand, dass bei der Tat und beim anschließenden Umgang der Polizei mit dem Fall Rassismus im Spiel war.

Besondere Empörung erregte die Tatsache, dass die Polizei Zimmerman nach dem Vorfall zunächst laufen lassen hatte. Dabei berief sie sich auf das "Stand Your Ground"-Gesetz ("Weiche nicht zurück"), das Bürgern in Florida ein besonders ausgeprägtes Recht auf Selbstverteidigung mit Schusswaffen einräumt. Martins Eltern warfen den Behörden vor, nicht angemessen ermittelt zu haben, weil ihr Sohn schwarz war. In die Debatte über Rassismus in der Gesellschaft, die durch den Fall ausgelöst wurde, schaltete sich sogar Präsident Barack Obama ein.

Zehntausende Menschen gingen auf die Straßen und verlangten eine gerechte Strafe für die Ermordung Martins. Zimmerman stritt aber ab, den Jugendlichen bewusst wegen seiner Hautfarbe ins Visier genommen zu haben. Der Angeklagte verwies dabei auch auf seine lateinamerikanischen Wurzeln. Die Verteidigung argumentierte, Zimmerman habe in Notwehr gehandelt, als Martin ihn niedergerungen und begonnen habe, seinen Kopf auf den Boden zu schlagen.

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