Potenzial verschenkt

Wenn die Magie bröckelt: “The Night of the Rabbit”

Spiele
08.06.2013 11:00
Mit "The Night of the Rabbit" schickt die deutsche Adventure-Schmiede Daedalic den Spieler einmal mehr auf ein fantasievolles Point-and-Click-Abenteuer. In der Welt der Tiere - zum Leben erweckt mit wunderschön gezeichneten Hintergründen und gelungener Musikuntermalung - gilt es, allerlei witzigen Charakteren unter die Arme zu greifen. Warum es an der Magie des Spiels dennoch hapert, klärt unser Test.

Der kleine Jeremias Haselnuss, genannt Jerry, hat einen großen Wunsch: Er möchte Zauberer werden. Die Sommerferien sind schon fast vorbei, da offenbart sich ihm eine einmalige Gelegenheit, seinen Traum wahrzumachen: Er erhält eine geheimnisvolle Einladung nach Mauswald, die Miniatur-Parallelwelt der Hasen, Eichhörnchen, Mäuse, Uhus und vieler mehr.

Viel zu tun für einen Baumläufer
Der namensgebende Hase aus "The Night of the Rabbit" ist Jerrys neuer Lehrmeister, der geheimnisvolle Marquis de Hoto. Er möchte den Buben zum Magier und Baumläufer zwischen den Welten ausbilden, um eine unbekannte große Gefahr abzuwenden.

Bis es so weit ist, muss sich Jerry allerdings erst mal den Einwohnern Mauswalds und seinem Meister gegenüber als würdig erweisen und hierfür zahlreiche Aufgaben erfüllen. So wird zum Beispiel der Weg in den Sumpf von einem frechen Fratz versperrt, der zuerst mit Süßem und später einer intellektuellen Herausforderung abgelenkt werden muss. Aber auch ein kranker Zwerg will geheilt sein, damit die Blaubeersaftproduktion wieder in Gang kommt, Familie Hase wünscht sich eine Torte und die fleißigen Igel werden von einem frechen Kobold beklaut.

Liebenswürdig und schräg
Positiv fällt dabei auf, dass Jerry auf sehr viele unterschiedliche Charaktere trifft, die allesamt über witzige Eigenheiten verfügen. Cafébetreiberin Anja etwa ist überzeugt von ihrer neuesten Geschäftsidee, explodierenden Süßwaren, während Herr Kirchenmaus mit seinem stumm dahinstierenden Sohnemann aufs große Geschäft hofft und der Bürgermeister seinen Kompagnon mit seiner Vorliebe für Witze in den Wahnsinn treibt.

Einziges kleines Manko: Die Bewohner Mauswalds sind allesamt arg plauderfreudig sind, sodass man sich schon mal dabei erwischt, den Text zu lesen und die Sprachausgabe wegzuklicken. Negativer fällt mit Fortschreiten des Games auf, dass die Charaktere zwar liebenswert sind, den Spieler emotional aber nicht zu berühren wissen. Das Gefühl echter Nähe, wie es Daedalic etwa in "The Whispered World" mit Begleiter Spot gelang, kommt leider nicht auf.

Steuerung gelungen, Rätsel teils frustrierend
Andere Aspekte sind dafür durchaus gelungen, etwa Maussteuerung, Hotspot-Anzeige, Inventar und Schnellreisesystem. Pluspunkte sammelt das Spiel auch für zahlreiche verschiedene Locations, die nach und nach erspielt werden müssen. Abwechslung bringt auch die Möglichkeit, zwischen Tag und Nacht hin- und herzuwechseln - manche Rätsel lassen sich sonst nicht lösen. Das ist allerdings nicht immer nachvollziehbar, was des Öfteren in Trial-and-Error-Phasen mündet.

Schuld daran sind allerdings auch die Rätsel an sich, denen es leider des Öfteren an innerer Logik mangelt. Da weder das Tagebuch noch die Hilfefunktion, in der Marquis de Hoto undifferenzierte Ratschläge von sich gibt, den Spieler weiterbringen, ist "The Night of the Rabbit" teils arg frustrierend und unserer Meinung nach ohne Lösung kaum zu schaffen. Auch die im Lauf des Spiels erlernten Zaubersprüche sind keine große Hilfe, zudem können sie - vom meist sinnlosen Flüstern mit Steinen abgesehen - praktisch nie eingesetzt werden.

Hintergrundgeschichte erst ganz am Schluss
Ebenfalls problematisch ist die Geschichte von "The Night of the Rabbit", die einfach nicht in Schwung kommen will. Tatsächlich wird erst in den letzten zehn Minuten - und zwar in Zwischensequenzen, ganz ohne Zutun des Spielers - aufgeklärt, welches Geheimnis Jerry nach Mauswald brachte, was der Zauberer Zaroff und der Marquis de Hoto miteinander zu tun haben und wer die Fremden sind, die den Frieden stören.

Wenn auch reichlich konfus, wäre die Hintergrundgeschichte als Teil des Spiels möglicherweise dennoch spannend gewesen - der Gamer hätte die Geheimnisse der Reihe nach gelüftet und so das Gefühl gehabt, auf ein großes Ziel hinzuarbeiten. Stattdessen verbringt man die meiste Zeit mit Aufgaben, die in Rollenspielen à la "Sammle zehn Beeren" oder "Bring mir fünf Felle" aus gutem Grund lediglich die Einleitungsphase markieren. Dass es all die großen Geheimnisse gibt und Jerry persönlicher betroffen ist als gedacht, wird dem Spieler erst ganz am Ende hingeworfen - massig verschenktes Potenzial, bei Daedalic aber schon in "The Whispered World" genau so vorgeführt.

Traumhafte Grafik und Musik
Viel mehr wissen da schon Grafik und Musikuntermalung zu gefallen. Die Musik überzeugt mit unaufgeregten Kompositionen, die direkt eintauchen lassen in die Welt der Tiere. Diese besticht mit liebevoll handgezeichneten, detailverliebten Hintergründen - ebenfalls typisch Daedalic ein echter Augenschmaus, auch wenn die Figuren ein paar mehr Animationen hätten vertragen können. Die Sprecher liefern großteils gute Arbeit ab, von ein paar gar theatralischen Ausreißern, wie den Motten gegen Ende des Spiels, einmal abgesehen.

Fazit: Trotz zahlreicher Mängel und der Erkenntnis, dass "The Night of the Rabbit" des Öfteren frustriert und ohne Lösung kaum zu schaffen ist, weiß das Spiel kindliche Naturen in seinen Bann zu ziehen. Diese Magie ist vor allem Mauswald mit seinen liebenswert schrägen Charakteren und seiner detailverliebten, träumerischen Grafik samt Musikuntermalung zu verdanken. Schade, dass die Zaubersprüche kaum anwendbar sind und dem Spieler die etwas konfuse Hintergrundgeschichte erst ganz zum Schluss vor die Füße geworfen wird.

Plattform: PC (getestet), Mac
Publisher: Daedalic
krone.at-
Wertung: 7/10

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