Premier unter Druck

Über 100 Verletzte bei Protesten gegen Erdogan in Istanbul

Ausland
31.05.2013 16:34
Bei Protesten gegen die konservative Regierung des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan ist es am Freitag in Istanbul zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Die Sicherheitskräfte setzten im Gezi-Park am zentralen Taksim-Platz Tränengas und Wasserwerfer ein. Nach Angaben eines Ärzteverbandes wurden mehr als 100 Menschen verletzt. Darunter waren auch Touristen, die über den Platz zu ihren Hotels hasteten.

Die Aktion begann am Montag mit einem Protest gegen die Rodung von Bäumen für ein geplantes Einkaufszentrum, richtet sich jedoch inzwischen allgemein gegen die Politik von Erdogans AKP, die islamistische Wurzeln hat. Erdogan ist zwar nach wie vor der beliebteste Politiker in der Türkei, viele Bürger sind aber mit seinem autoritären Stil unzufrieden.

"Wir haben die Schnauze voll"
"Wir haben keine Regierung, wir haben Tayyip Erdogan", sagte Koray Caliskan, ein Politikwissenschaftler an der Bosporus-Universität in Istanbul. Dies sei der Anfang eines Sommers des Unmuts. "Es geht nicht mehr nur um Bäume", sagte der 18-jährige Student Mert Burge. "Es geht um den Druck, der von dieser Regierung ausgeübt wird. Wir haben die Schnauze voll. Die Richtung, die dieses Land einschlägt, gefällt uns nicht."

Die Polizei setzte so viel Tränengas ein, dass die Luft auch in den angrenzenden Stadtteilen gasgeschwängert war. Einige der vorwiegend jungen Demonstranten zündeten auf einer Hauptstraße zum Taksim-Platz Einfassungen und Container der beteiligten Baufirmen an. Die Protestierenden riefen: "Die Regierung soll zurücktreten!"

Touristin aus Ägypten schwer verletzt
Glasscherben und Steine pflasterten eine Haupteinkaufsstraße von Istanbul. Eine Touristin aus Ägypten war in kritischem Zustand, nachdem sie ein Gaskanister der Polizei am Kopf getroffen hatte. Hunderte Menschen hatten wegen des eingesetzten Tränengases Atemprobleme. Eine Mauer stürzte ein, als Demonstranten auf der Flucht vor dem Gas über sie klettern wollten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte, dass die Reaktion der Polizei gegen die zunächst friedlichen Proteste vollkommen überzogen gewesen sei.

Zusammenstöße auch in Ankara
Auch in der Hauptstadt Ankara kam es zu Zusammenstößen. Eigentlich wollten junge Leute gegen Beschränkungen beim Alkoholverkauf protestieren. Aus Solidarität mit den Demonstranten in Istanbul zogen sie jedoch in Richtung der AKP-Zentrale. "Überall gibt es Widerstand, überall ist Taksim", skandierten sie. Die Polizei setzte ebenfalls Tränengas ein.

Zahlreiche Großprojekte rufen Kritik hervor
Im Zuge des Wirtschaftsbooms in seinem Land setzt Erdogan auf etliche Großprojekte, etwa eine dritte Brücke über den Bosporus, einen neuen Flughafen und weitere Bauten in Istanbul. Stadtplaner, Wissenschaftler und linke Politiker haben die Vorhaben kritisiert und argumentieren, dass es in der Millionenstadt schon jetzt nicht genügend Parks und Grünflächen gebe. Für Erdogan wiederum sind die Bauvorhaben ein Symbol für einen Wiederaufstieg der Türkei.

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