Todesstrafe droht

Mädchen entführt: Das Doppelleben des Ariel Castro

Ausland
10.05.2013 10:24
In seinem Garten bastelte er an Autos, in seinem Haus hielt er drei Frauen gefangen: Der Hauptverdächtige im Entführungsfall von Cleveland, Ariel Castro, führte offenbar mehr als zehn Jahre lang ein Doppelleben. Weder Nachbarn noch Angehörige bemerkten, was in seinem Haus vor sich ging. Sein Onkel Julio Castro sagte CNN: "Vielleicht war er die Art Mensch, die ein Doppelleben führt." Die Anklage prüft nun, ob gegen den Mann die Todesstrafe verhängt werden könnte. Seine beiden Brüder wurden indessen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Dem Kidnapper könnte für seine Taten die Todesstrafe bevorstehen. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt Timothy McGinty teilte am Donnerstag mit, dass er zusätzliche Anklagen wegen vorsätzlichen Mordes, versuchten Mordes und Körperverletzung anstrebe. Er bezog sich dabei auf Vorwürfe, laut denen Castro zumindest eine seiner Gefangenen mehrere Male gewaltsam zum Schwangerschaftsabbruch gezwungen haben soll, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Die erste Anklage von Mittwoch dieser Woche lautet auf Entführung und Vergewaltigung.

Staatsanwalt: "Akt des vorsätzlichen Mordes"
Er werde "jeden Akt vorsätzlichen Mordes" untersuchen, den der Angeklagte "begangen hat, indem er Schwangerschaften abbrach", sagte McGinty. Das Gesetz erlaube die Todesstrafe für Kriminelle, die im Zuge einer Entführung vorsätzlichen Mord begingen. Es war die erste offizielle Bestätigung von Berichten, nach denen zumindest eine Frau in der Gefangenschaft eine oder vielleicht sogar mehrere von dem Entführer herbeigeführte Fehlgeburten erlitt.

Brüder wieder auf freiem Fuß - keine Anklage
Bei Castros erster Gerichtsanhörung hatte die Richterin eine Kaution von acht Millionen Dollar festgesetzt, um sicherzustellen, dass er nicht vor oder während des Prozesses auf freien Fuß kommt. Seine beiden Brüder, die ebenfalls festgenommen worden waren, kamen indessen am Donnerstag wieder frei. Sie werden nicht angeklagt, laut Polizei seien sie nicht an den Taten von Ariel Castro beteiligt gewesen.

Die Castro-Brüder stammen aus einer Großfamilie, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Puerto Rico in die USA einwanderte. Die Familie ließ sich in Cleveland im Bundesstaat Ohio nieder - damals war die Stadt noch eine florierende Industriemetropole. Ariel Castros inzwischen verstorbener Vater Nona hatte einen Abstellplatz für Gebrauchtwagen. Castros Onkel Julio, 78, führt einen Lebensmittelladen und ist in der hispanischen Gemeinde Clevelands gut bekannt.

Nachbar: "Habe mit diesem Typen gegrillt"
In der Nachbarschaft hatte Ariel Castro einen guten Ruf und war beliebt. "Ich hab mit diesem Typen gegrillt", berichtete etwa Nachbar Charles Ramsey, der Castros Entführungsopfern bei der Flucht half. Auch habe er Castro im Garten mit seinen Hunden spielen und an Autos und Motorrädern herumschrauben gesehen.

Zu Castros Leidenschaften zählt auch Musik. 15 Jahre lang spielte er Bass in der Latin-Band Grupo Kanon. Doch beim Chef der Gruppe, Ivan Ruiz, wuchsen die Bedenken. "Er war komisch", sagte Ruiz der Tageszeitung "Cleveland Plain Dealer". Der Bassist sei immer unzuverlässiger geworden. "Es war, als könne er sein Haus nicht verlassen." Im vergangenen Jahr habe er Castro schließlich aus der Band geworfen.

2004 von Verwandtschaft abgeschottet
Auch Onkel Julio Castro erinnert sich an eine Verhaltensänderung. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 2004 habe sich Ariel von der Verwandtschaft abgeschottet. In diesem Jahr wurde Gina DeJesus entführt. Bereits ein Jahr zuvor war Amanda Berry verschwunden, ein weiteres Jahr davor Michelle Knight. Alle drei Frauen sowie Berrys sechsjährige Tochter wurden Anfang der Woche aus Castros Haus befreit.

22 Jahre lang war Ariel Castro als Schulbusfahrer tätig, wurde im November 2012 aber gefeuert. Grund für den Rauswurf war laut den Schulakten, dass Castro den Bus stehen ließ und einfach nach Hause ging, "um sich auszuruhen". Schon zuvor war Castro unangenehm aufgefallen - unter anderem ließ er ein behindertes Kind alleine im Bus, während er sich einen Hamburger kaufte.

Cousine: "Wer so etwas tut, ist ein Psychopath"
Schwierigkeiten hatte Castro nicht nur im Beruf, sondern auch in der Familie. Seine Ex-Frau warf ihm 2005 in einer Anzeige vor, er habe die gemeinsame Töchter "häufig entführt" und von der Mutter ferngehalten. Zudem sind in den Akten zahlreiche Verletzungen der Ex-Frau vermerkt, darunter zwei Nasenbeinbrüche und gebrochene Rippen. Zur Anklage kam es aber nicht. Der Sohn des Paares sagte der britischen Tageszeitung "Daily News", seine Mutter habe Castro 1996 nach Jahren der Gewalt verlassen.

Ariel Castros Cousine Maria Castro Montres zeigte sich über die von ihrem Verwandten begangenen Taten entsetzt. "Wer so etwas tut, ist ein Psychopath", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. "Wenn eines unserer Familienmitglieder das getan hat, muss es dafür bezahlen."

Castro-Tochter wegen versuchten Mordes hinter Gittern
Ariel ist allerdings nicht das erste Familienmitglied der Castros, das mit einem Verbrechen in die Schlagzeilen gerät: Ariel Castros Tochter Emily wurde 2008 wegen versuchten Mordes zu 25 Jahren Haft verurteilt. Sie hatte ein Jahr zuvor versucht, ihrer elf Monate alten Tochter mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden, nachdem sich der Kindsvater von ihr getrennt hatte.

Gerichtsdokumenten zufolge litt die heute 24-Jährige schon als Jugendliche unter psychischen Störungen. Ihr Bruder Anthony bestätigte dies vor Gericht, Versuche von Emilys Verteidiger, sie für geisteskrank erklären zu lassen, scheiterten allerdings.

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