Anklage erhoben

10 Jahre gefangen: Ein Leben in Ketten im “Horrorhaus”

Ausland
09.05.2013 16:04
Eine Gefangenschaft in Ketten und Seilen, eine Geburt im aufblasbaren Schwimmbecken und ein fassungsloser Sohn des "Mädchenfängers": Während die Details des rund zehn Jahre dauernden Martyriums dreier Frauen im "Horrorhaus" in den USA nun nach und nach ans Tageslicht kommen, sind zwei der drei in Cleveland Befreiten am Mittwoch in den Kreis ihrer Familie heimgekehrt. Ihr Peiniger Ariel Castro (Bild Mitte) wurde unterdessen offiziell der Entführung und Vergewaltigung beschuldigt - die Anklage wurde am Donnerstag verlesen.

Das Gericht setzte die Kaution gegen Castro auf acht Millionen Dollar fest. Die Anklageverlesung nahm der 52-Jährige, der in blauer Gefängniskleidung an die Richterbank geführt wurde, mit gesenktem Kopf und ohne sichtbare Regung entgegen. Staatsanwalt Brian Murphy beschrieb die jahrelange Gefangenschaft als "schreckliches Martyrium" für die Frauen. Castros Handlungen seien "vorsätzlich" und "verkommen" gewesen. Er habe die drei jungen Frauen aus rücksichtlosem Eigennutz eingesperrt, vergewaltigt, verprügelt, hungern lassen und gefesselt. 

Der 52 Jahre alte ehemalige Schulbusfahrer werde sich wegen der Entführung von vier Menschen und Vergewaltigung von drei Menschen verantworten müssen. Er habe Amanda Berry, Gina DeJesus und Michelle Knight rund ein Jahrzehnt festgehalten und missbraucht, sagte der Staatsanwalt. Die Opfer hätten sein Haus in all der Zeit nur zweimal verlassen, dabei aber nur bis zur Garage gehen dürfen. Das Grundstück selbst hätten sie nie verlassen.

Die Freiheitsberaubung von Berrys sechsjähriger Tochter Jocelyn, die während der Gefangenschaft in einem Kinderplanschbecken zur Welt gekommen sei, werde in der Anklage als vierter Entführungsfall behandelt. Ein Vaterschaftstest solle klären, ob Castro das Kind gezeugt habe.

Zwei Entführungsopfer wieder bei ihren Familien
Zahlreiche Nachrichtensender hatten am Mittwoch live von der Rückkehr der 2003 im Alter von 16 Jahren entführten Berry berichtet. Die heute 26-Jährige wurde gegen 11.30 Uhr Ortszeit in Begleitung zahlreicher Polizei- und FBI-Beamter in das mit Ballons geschmückte Haus ihrer Schwester Beth Serrano (Bild rechts) gebracht.

Serrano erklärte vor den versammelten Journalisten, dass ihre Schwester kein Statement abgeben wolle: "Wir sind glücklich, Amanda zu Hause zu haben. Wir brauchen beide Ruhe, um uns zu erholen. Wir schätzen, was die Medien für uns getan haben." Die Exekutive sorgte dafür, dass die zahlreich anwesenden Medienvertreter Abstand hielten.

Unter Jubelrufen von Nachbarn, Freunden und Bekannten kehrte kurz darauf auch das zweite Opfer DeJesus, sie war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 2004 14 Jahre alt, zu ihrer Familie heim. "Gina, Gina"-Rufe wurden laut, als die heute 23-Jährige aus einem Auto in ihr Elternhaus gebracht wurde - das Gesicht mit der Kapuze einer Jacke verhüllt.

Die dritte Entführte, Knight, befindet sich indessen weiterhin im Krankenhaus, in das die drei Frauen und das sechsjährige Mädchen nach ihrer Befreiung eingeliefert worden waren, wie das MetroHealth Medical Center dem lokalen Nachrichtenportal cleveland.com bestätigte. Sie sei in guter Verfassung, hieß es in einer kurzen schriftlichen Erklärung.

Berry war es am Montag gelungen, einen Nachbarn auf sich aufmerksam zu machen, als ihr Kidnapper, der 52-jährige Ariel Castro, außer Haus war. Charles Ramsey und ein weiterer Anrainer traten daraufhin die Tür ein und ermöglichten der Frau und ihrer in Gefangenschaft geborenen, heute sechs Jahre alten Tochter die Flucht (siehe Infobox). Die alarmierte Polizei befreite schließlich zwei weitere Frauen, DeJesus und Knight, aus dem "Horrorhaus".

Erinnerungen an Fall Kampusch
Die Ereignisse, der Erinnerungen an den Fall Natascha Kampusch wach werden lassen, schockierten die Menschen, nicht nur in den USA. Vor allem die Tatsache, dass die Entführten in unmittelbarer Nähe zu ihren Familien in Gefangenschaft gehalten worden waren, rief Erschütterung hervor. Auf der ersten großen Pressekonferenz der Behörden konnte selbst ein Ermittler seine Tränen nicht zurückhalten. "Ja, auch Polizisten können weinen", machte der Mann keinen Hehl aus seinem Gemütszustand angesichts der Tragweite des Falls.

Cleveland im US-Bundesstaat Ohio feierte Berry, die als 16-Jährige verschwand: "Amanda ist die echte Heldin", sagte der stellvertretende Polizeichef, Ed Tomba. "Sie hat die Sache ins Laufen gebracht. Ohne sie wären wir jetzt nicht hier." Ramsey, der ebenfalls einen entscheidenen Beitrag zur Befreiung der Frauen leistete, wurde als heldenhafter Nachbar über Nacht zum gefeierten Internetstar.

Für Entführer Ariel Castro und seine beiden Brüder Pedro (54) und Onil (50) klickten die Handschellen. Während gegen Ariel Anklage erhoben wurde, gebe es gegen seine beiden ebenfalls festgenommen Brüder keine rechtlichen Vorwürfe in dem Fall, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Sie sollen von dem Treiben im Haus nichts gewusst haben.

Polizei um respektvollen Umgang mit den Frauen bemüht
Details über die drei Männer und das Haus, in dem Berry, DeJesus und Knight rund zehn Jahre gefangen gehalten wurden, gelangen nun nach und nach ans Tageslicht. Die Ermittler halten sich mit Informationen allerdings zurück, sind um einen respektvollen Umgang mit den drei Frauen bemüht. Um allen mehr Zeit zu geben, vertagte die Polizei die Befragung der drei Entführungsopfer.

Sie sollen die Möglichkeit erhalten, die Geschichte ihres Martyriums selbst zu erzählen - zu einem Zeitpunkt, den sie frei wählen dürfen. Ob sie überhaupt an die Öffentlichkeit treten werden, ist ungewiss. Nach einem Jahrzehnt der Machtlosigkeit sollen sie ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen können. "Respektiert unsere Privatsphäre", appellierte auch die Schwester von Berry bei der Rückkehr ihrer Schwester am Mittwoch.

Polizei bestätigt: "Frauen wurden gefesselt"
US-Medien warteten indessen mit schockierenden Details über die Gefangenschaft der Frauen auf: So entdeckten die Ermittler Ketten und Seile in Castros Haus. "Wir können bestätigen, dass sie gefesselt wurden", sagte der Polizeichef von Cleveland, Michael McGrath, am Mittwoch dem Nachrichtensender NBC.

Der Lokalsender ABC Channel 5 News veröffentlichte zudem Informationen über das Haus, in dem die Frauen gefangen gehalten wurden. Demnach soll es 1950 gebaut worden sein und insgesamt acht Räume umfassen. Es gebe vier Schlafzimmer und ein Badezimmer, insgesamt 130 Quadratmeter Wohnfläche. Die Frauen dürften nicht im selben Raum gelebt, einander aber gekannt haben. Die näheren Umstände der Gefangenschaft bleiben jedoch weiter im Dunkeln.

Zugleich kamen auch Gerüchte über mögliche Schwangerschaften der Opfer während der Gefangenschaft auf. ABC Channel 5 News berichtete unter Berufung auf Polizeiquellen, eine der Frauen habe zwei oder drei Fehlgeburten erlitten. Eine andere Quelle sprach von bis zu fünf Schwangerschaften der Opfer, so der Sender. Die sechsjährige Tochter von Berry sei laut Ermittlern in einem aufblasbaren Schwimmbecken zur Welt gekommen, berichtete cleveland.com.

Sohn von Entführer schrieb 2004 Artikel über Opfer
Mehrere US-Medien berichteten zudem darüber, dass der Sohn des Hauptverdächtigen Ariel Castro 2004 nach der Entführung von DeJesus einen Artikel in einer Lokalzeitung über die Vermisste veröffentlicht hatte. Darin beschrieb Anthony Castro die Angst der Nachbarschaft in der Zeit nach DeJesus' Verschwinden sowie die Sorgen der Eltern und Verwandten über Sexualstraftäter in der Gegend. Der Artikel enthielt auch in Interview mit der Mutter der Vermissten. Medien nahmen an, dass der Sohn den Bericht als College-Student in Zusammenhang mit seiner Ausbildung verfasst habe.

Anthony Castro bestätigte mittlerweile in Interviews, der Verfasser des Artikels zu sein. Er habe mit seinem Vater, den er als gewalttätig beschrieb, in den vergangenen Jahren kaum Kontakt gehabt. Wenn er im Haus gewesen sei, zuletzt vor rund zwei Wochen, habe ihm der Vater verboten, gewisse Räume zu betreten. "Es gab Orte, wohin wir nie gehen durften. Der Keller war verschlossen, der Dachboden, die Garage." Er hätte nie gedacht, dass sein Vater drei Frauen in dem Haus gefangen halten könnte. "Was mit den Mädchen passiert ist, ist unbegreiflich. Es ist einfach nur ein Albtraum. Ich fühle mich einfach so schrecklich. Unsagbar schrecklich", gab er sich im Gespräch mit der britischen Tageszeitung "Daily Mail" geschockt.

Berry nach Befreiung: "Hallo Papa, ich lebe"
Eines steht fest: Nach einem Jahrür die Opfer doch noch ein glückliches Ende.

"Hallo Papa, ich lebe", sagte Berry nach ihrer Befreiung am Telefon zu ihrem Vater. "Sie hat dann gesagt 'Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich', und dann haben wir beide angefangen zu weinen", sagte der im Bundesstaat Tennessee lebende Johnny Berry laut US-Medienberichten. Auch ihre Großmutter rief Berry an. "Ich liebe dich, Schätzchen, Gott sei Dank", antwortete die Frau. "Ich habe all diese Jahre immer an dich gedacht. Ich habe dich nie vergessen." Es gehe ihr gut, sagte die 26-Jährige.

Kritik an Polizei: Hinweise zu schnell abgetan?
Vorwürfe wurden indessen gegen die Polizei laut. Sie soll frühe Hinweise auf ein Verbrechen zu schnell abgetan haben. Nachbarn hatten Medienberichten zufolge die Polizei mehrmals auf eigenartige Vorgänge und angeblich sogar auf "Frauen in Ketten" in dem Haus und auf "nackte, krabbelnde Frauen im Garten" aufmerksam gemacht. Die Polizei von Cleveland verteidigte sich auf ihrer Internetseite: Man habe nur zwei Hinweise erhalten und sei diesen auch nachgegangen. Beide hätten nichts mit den vermissten jungen Frauen zu tun gehabt.

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