Fatale Diagnosen
D: “Horror-Arzt” durfte über Jahre hinweg praktizieren
Von "über 100 gravierenden Diagnose- und Behandlungsfehlern", die dem Neurologen in den Niederlanden zur Last gelegt würden, ist in deutschen Medien die Rede. Seinen Patienten in Holland habe er weisgemacht, an Alzheimer, Multipler Sklerose oder Parkinson zu leiden, eine Frau habe der heute 67-Jährige, der selbst nach einem Autounfall medikamentensüchtig geworden sei, auf diese Weise sogar in den Selbstmord getrieben. Die "Bild"-Zeitung schreibt gar von "insgesamt neun Todesfällen", die er zu verantworten habe.
Mediziner drohen zwölf Jahre Haft
Rechtsanwalt Yme Drost vertritt rund 200 Niederländer, die Ernst J. S., von Medien "Dr. Frankenstein" getauft, geschädigt haben soll. Es seien auch mindestens 13 Gehirnoperationen aufgrund seiner falschen Befunde gemacht worden. "Bei einem Mann wurden 12,5 Zentimeter Hirngewebe entfernt", sagt Drost. Der Strafprozess gegen den Mediziner, den der Jurist schlichtweg als "verrückt" bezeichnet, soll im Sommer 2013 starten. Ihm drohen unter anderem wegen schwerer Körperverletzung bis zu zwölf Jahre Haft. Für 80 Mandanten habe Drost zudem bereits Schadenersatz erstritten, Höchstsumme 265.000 Euro, so der Anwalt zu "Spiegel Online".
Ging man vorerst "nur" von einem aus, scheint seit Dienstag klar, dass es insgesamt vier deutsche Krankenhäuser sind, in denen der "Horror-Arzt" beschäftigt war, nachdem er in den Niederlanden aufgrund seiner juristischen Probleme seit 2006 nicht mehr praktizieren durfte. Zuletzt war der Mann in einer Klinik in Heilbronn angestellt - Ende letzter Woche wurde er gefeuert. Die Verantwortlichen der Klinik zeigten sich "überrascht und geschockt" von den Vorwürfen gegen J. S. - man habe erst aus den Medien davon erfahren.
"Nichts davon gewusst"
Obwohl in den Niederlanden also vom "größten medizinischen Strafprozess des Landes" die Rede ist, konnte der Beschuldigte offensichtlich einfach über die Grenze spazieren und in Deutschland ein neues Berufsleben anfangen - der mediale Aufschrei bei unseren Nachbarn ist verständlicherweise groß. Man habe aber einfach nichts über die Strafverfolgung in den Niederlanden sowie den Entzug der dortigen Ärzteapprobation gewusst, betont etwa der Geschäftsführer der SLK-Kliniken Heilbronn, Thomas Jendges. J. S. sei von einer Vermittlungsagentur angeboten worden und seit 2011 in Heilbronn tätig gewesen.
Der "Spiegel" sieht das anders: Fest stehe, dass die Klinik schon 2011 von den Vorwürfen gegen ihn wusste. "Warum dies keine Konsequenzen hatte, wollte ein Sprecher auf Nachfrage nicht sagen."
Krankenhäuser "nehmen quasi jeden"
Heftig in der Kritik stehen auch die deutschen Behörden, war der Verdächtige doch "überprüft" worden und hatte dennoch eine gültige Approbation erhalten. Mit dem genauen Hinschauen hat man es im eigentlich gründlichen Deutschland aber offenbar ohnehin nicht mehr so: Die Stiftung für Patientenschutz meint zum Beispiel auf "Focus Online", dass wegen des "eklatanten Ärztemangels" sowieso schon "quasi jeder" in einem Krankenhaus arbeiten dürfe.
Die deutschen Kliniken - neben Heilbronn arbeitete "Frankenstein" in Worms, Bad Laasphe und Nienburg - betonen unter anderem, dass der Betreffende wenig Verantwortung getragen, etwa "nur als Assistenzarzt unter Aufsicht" gearbeitet habe. Langsam aber sicher laufen die Ermittlungen gegen den 67-Jährigen allerdings auch in Deutschland an - in Heilbronn war am Dienstag von "zumindest einer möglicherweise geschädigten Patientin" die Rede. Anzeigen oder Beschwerden soll es aber schon mehrere geben...
Kronen Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen 






Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.