Herzzerreißend

Wenn Papa zum rasenden Monster wird: “Papo & Yo”

Spiele
07.09.2012 10:18
"Papo & Yo", zu Deutsch: Papa und ich, ist auf dem Spielemarkt einmalig. Der Entwickler Vander Caballero, lange Jahre bei EA Montreal tätig, verarbeitete damit den Alkoholismus seines inzwischen verstorbenen Vaters - ohne große Erklärungen und mitleidheischendem Sensationalismus, dafür mitreißend und berührend.

"Papo & Yo" dreht sich um den Buben Quico, der mit einem Monster befreundet ist. Die meiste Zeit ist das riesige Ungetier mit einem Horn auf der Stirn ein friedlicher Geselle: Es frisst liebend gern Kokosnüsse und lässt sich danach für ein Schläfchen nieder.

Die Harmonie wird allerdings bald gestört, denn die Kreatur, die einfach nur "Monster" genannt wird, ist süchtig nach giftgrünen Fröschen. Hört und/oder sieht Monster einen Frosch, werden seine Gedanken nur noch davon beherrscht und es eilt heran, um das Tier zu verspeisen. Geschieht das, bricht für Quico die Hölle los: Monster verwandelt sich in eine echte Bestie, von Flammen umgeben und rasend vor Wut.

In dieser Form hat Monster nur ein Ziel: Quico zu verfolgen und zu verletzen. Flüchtet der Spieler nicht rechtzeitig, muss er zusehen, wie Monster über Quico herfällt... immer und immer wieder, wenn die Flucht nicht gelingt. Das Gamepad vibriert, der Bub wird mit einem Schmerzensschrei durch die Luft geschleudert - ein herzzerreißender Anblick, der betroffen macht und nachvollziehen lässt, wie sehr Caballero unter seinem alkoholkranken Vater gelitten haben muss. Nicht umsonst sind die allerersten Worte, wenn "Papo & Yo" startet, eine Widmung des Entwicklers an seine Mutter und Geschwister, die gemeinsam mit ihm "den Vater überlebten". Im Spiel gibt es aber noch Hoffnung: Quicos Ziel ist, mithilfe von Spielzeugroboter Lula und einem mysteriösen Mädchen, eine Heilung für Monster zu finden.

Wer mit Quico einmal Opfer des rasenden Monsters geworden ist, versucht tunlichst, die grünen Frösche vom Untier fernzuhalten - läuft Quico mit einem Frosch davon und Monster hinterher, steigt der Blutdruck des Spielers, schließlich möchte man Quico beschützen. Ein mitreißendes Erlebnis. Allerdings macht die schwammige Steuerung dem Spieler des Öfteren einen Strich durch die Rechnung. Insbesondere in späteren Levels, die schnelle Reaktionen verlangen und jeden Fehler damit bestrafen, dass minutenlange Arbeit noch einmal von vorn begonnen werden muss, nicht immer ein Vergnügen.

Überdies sind Quicos Kletterkünste beschränkt. Zwar kann er mithilfe seines Roboters, der auch weiter entfernte Schalter drückt, größere Distanzen überwinden, nach oben hüpfen oder klettern ist aber nicht möglich. Dass sich ein Kind keinen kleinen Vorsprung nach oben ziehen kann, scheint doch merkwürdig.

Auch die Rätseleinlagen sind eher rudimentär: Quico dreht an Schlüsseln, beschreitet verschlungene Pfade und bewegt fantasievoll Häuser - wirkliches Nachdenken und Rätseln ist dabei aber kaum vonnöten. Der Pfad ist recht klar vorgegeben, die Aufgaben können nur in einer strengen Reihenfolge abgearbeitet werden. Ein paar Kopfnüsse mehr hätten dem Spiel gutgetan, so ist es meist nur nötig, Hüpfeinlagen zu absolvieren, Knöpfe zu drücken und schnell genug zu reagieren.

Dabei beinhaltet das Spiel viele kreative Ansätze: Quico nützt Monsters Bauch als Sprunghilfe, riesige Häuser werden per Knopfdruck aufeinandergestapelt oder aneinandergereiht, um einen Weg freizugeben, und Monster muss mit Kokosnüssen an bestimmte Orte gelockt werden, um Türen zu öffnen. Dass allerdings manchmal auch der strategische Einsatz von Fröschen nötig ist und Monster somit absichtlich zur Raserei getrieben wird, ist angesichts des Hintergrundthemas Alkoholismus fragwürdig. Denn welches Kind würde seinem süchtigen Vater absichtlich Alkohol verabreichen?

Auch abseits dieser Logiklücken hat das Spiel einige Schwächen, so ist die Grafik nicht ganz auf der Höhe der Zeit und auch die Musikuntermalung plätschert eher uninspiriert, aber immerhin (passend zur brasilianisch anmutenden Umgebung) südamerikanisch angehaucht und flott, dahin. Ein schwerwiegenderes Problem waren aber mehrere sogenannte Plotstopper, die im Test auftauchten: Mehrmals musste ein Kapitel neu gestartet werden, da durch eine fehlerhafte Programmierung ein Weiterspielen unmöglich war - zum Beispiel, weil Monster verschwunden war.

Fazit: Der Schwierigkeitsgrad in "Papo & Yo" ist lange Zeit zu niedrig, erst unvermittelt auftauchende grüne Frösche lassen ihn spürbar anziehen. Das liegt allerdings weniger an spannenderen Rätseln, sondern eher an der zu schwammigen Steuerung, die rasche Reaktionen teils verhindert. Da der Spieler einige Aufgaben wieder von vorn beginnen muss, wenn Monster in Raserei verfällt, kann Frust aufkommen. Aufgrund der mitreißenden und vor allem berührenden Inszenierung und fantasievollen Umsetzung ist "Papo & Yo" dennoch eine Empfehlung für alle Gamer, die auf der Suche nach einem einmaligen Erlebnis und einem Spiel sind, das zum Nachdenken anregt.

Plattform: PS3 (via PSN)
Publisher: Sony
krone.at-Wertung: 7/10

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