Vier Menschen tot

F: Blutbad in Alpen gibt Ermittlern Rätsel auf

Ausland
06.09.2012 16:03
Ein kaltblütiges Gewaltverbrechen mit vier Toten in den französischen Alpen gibt den Ermittlern Rätsel auf. Zwei Männer und zwei Frauen waren am Mittwoch auf einem Waldparkplatz erschossen aufgefunden worden. "Wir wissen nicht, warum die Menschen sterben mussten", sagte der Staatsanwalt von Annecy, Eric Maillaud, am Donnerstag. Zwei junge Mädchen hatten die Bluttat überlebt und stehen nach Angaben des Staatsanwalts unter Polizeischutz. Sie konnten bisher allerdings nicht zur Aufklärung beitragen.

Das Verbrechen ereignete sich in einer bei Touristen aus aller Welt beliebten Gegend an einem Waldweg in der Nähe des Sees von Annecy, teilte die Polizei im Département Haute-Savoie mit. Die vier Leichen wurden am Mittwoch gegen 16 Uhr von einem Radfahrer entdeckt. Drei der Opfer hätten sich in dem in Großbritannien zugelassenen BMW befunden: die Leiche eines Mannes vorne, zwei Frauenleichen auf dem Rücksitz. Sie alle seien von mehreren Schüssen getroffen worden, mindestens eine Kugel ging jeweils in den Kopf.

Mann arbeitete für EADS-Firma
Die Identität des Vaters konnte am Tag nach der Bluttat festgestellt werden. Bei dem Mann handelt es sich demnach um den 50-jährigen gebürtigen Iraker Saad al-Hilli, der mit seiner Familie in einem großzügigen Haus am Stadtrand Londons wohnte und auf Urlaub in den französischen Alpan war. Der Informatikexperte habe zuletzt als Berater für SSTL, eine zum Rüstungs- und Luftfahrtkonzern EADS gehörende Firma im Bereich des Satellitenbaus, gearbeitet, berichtete AFP. Gefährliche Geheimnisse habe Al-Hilli aber wohl nicht gekannt, sagte sein Buchhalter Julian Stedman. "Er hatte nichts mit irgendwelchen Rüstungsprojekten zu tun."

Die toten Frauen dürften die 50-jährige Mutter, Ikbal, und die 77-jährige Großmutter der beiden Kinder gewesen sein. Die ältere der beiden Frauen besaß nach Behördenangaben die schwedische Staatsbürgerschaft. Um die Identität der Opfer endgültig festzustellen, brauchen die französischen Ermittler noch Fingerabdrücke und DNA-Proben.

Radfahrer wurde wohl zufällig zum Opfer
Bei dem vierten Toten habe es sich laut Angaben des Staatsanwalts um einen Radfahrer gehandelt, der aus der Nachbargemeinde stammen soll. Er sei außerhalb des Wagens gefunden worden. Der Mann, laut Medienberichten ein rund 40 Jahre alter dreifacher Familienvater, dürfte ersten Erkenntnissen zufolge zufällig zum Tatzeitpunkt an dem Waldparkplatz vorbeigekommen sein.

Am Boden um den BMW lagen zahlreiche Patronenhülsen, die aus einer automatischen Pistole stammen. Staatsanwalt Maillaud sprach von einem Verbrechen von "extremer Brutalität" des oder der Täter. Dass die beiden Mädchen überlebten, grenzt an ein Wunder. Denn als die Ermittler an den Tatort kamen, bot sich ihnen ein grauenhaftes Bild. Die Polizisten konnten die Türen des Autos erst einmal gar nicht öffnen, weil die Fensterscheiben von Kugeln durchschossen waren und befürchtet wurde, dass das Glas bei der geringsten Bewegung hätte zerspringen können.

Siebenjähriges Mädchen schwer verletzt
Das zuerst entdeckte, ältere Mädchen sei mit lebensgefährlichen Verletzungen per Hubschrauber ins Krankenhaus nach Grenoble gebracht und dort notoperiert worden. Die Siebenjährige befinde sich auf der Intensivstation, ihr Zustand sei "lebensbedrohlich" gewesen, so die Behörden. Mittlerweile sei das Mädchen zwar stabilisiert, sie werde aber voraussichtlich erst in den nächsten Tagen vernehmungsfähig sein. Zuvor hatte es geheißen, das Kind sei im Krankenhaus verstorben, was die Polizei aber wenig später richtigstellte. Sie wurde von mehreren brutalen Schlägen am Kopf und einer Kugel an der Schulter getroffen.

Aus Angst unter Leiche der Mutter versteckt
Da die Spuren am Tatort von kriminaltechnischen Experten aus Paris gesichert werden sollten, die jedoch erst Stunden nach den ersten Ermittlern in Annecy eintrafen, wurde die vierjährige Schwester der Siebenjährigen erst in der Nacht auf Donnerstag entdeckt. Das Kind habe sich acht Stunden lang regungslos unter den Beinen ihrer toten Mutter verborgen, sagte Maillaud laut AFP. "Sie haben die Kleine nicht gesehen", wies der Leiter der Ermittlungen, Benoit Vinnemann, Kritik an den Beamten zurück. "Die Kleine sprach Englisch und erzählte, dass sie Lärm und Schreie gehört habe. Mehr kann sie nicht sagen, sie ist gerade einmal vier Jahre alt", so der Staatsanwalt. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester blieb die Kleine unverletzt.

Ermittler suchen nach Hinweisen
Die Hintergründe der Bluttat sind noch völlig unklar. Spekuliert wird, dass es sich um einen bewaffneten Raubüberfall handeln könnte. Dutzende Beamte suchten in der Umgebung des Tatorts nach Hinweisen, mögliche Zeugen wurden befragt. Am Donnerstag durchsuchten britische Polizisten zudem das Haus der Familie im idyllischen Claygate.

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