Seit 2. April bündelt ein neues Hilfetelefon alle steirischen Anlaufstellen zum Thema Gewalt in Beziehungen unter der Nummer 0800 20 44 22. Aber es gibt auch Kritik: Ist das Projekt ein unterfinanzierter Schnellschuss oder ein nachhaltiges Hilfsangebot?
Frauenmorde erschütterten vergangenes Jahr die Steiermark, knapp die Hälfte aller Femizide in Österreich waren 2023 auf steirischem Boden verübt worden. Die ÖVP-SPÖ-Landesregierung reagierte mit einem Maßnahmenpaket. Darin unter anderem enthalten: ein neues Hilfetelefon bei Beziehungsproblemen und -gewalt, das 24 Stunden, sieben Tage die Woche, erreichbar ist.
Seit 2. April klingelt das Telefon nun in den steirischen Frauenhäusern, die es betreiben. Schon am ersten Tag gab es einige Anrufe, die vom geschulten Fachpersonal beantwortet werden. „Es soll ein niederschwelliges Angebot vor der Gewalt sein“, erklärt Geschäftsführerin Michaela Gosch. Mit Betonung auf „vor“, denn die neue Nummer versteht sich als Prävention: „Schon bei Beziehungsproblemen, Kontrolle und Eifersucht kann man anrufen. Trennungen zählen beispielsweise zu den gefährlichsten Situationen für Frauen. Deswegen wollen wir begleiten und Gefahren abklären.“
Außerdem vermittelt man bei der 0800 20 44 22 weiter an Beratungsstellen in den Bezirken, an das Gewaltschutzzentrum und andere Anlaufstellen.
Traurige Tatsache ist: Von jenen elf Frauen, die 2023 in der Steiermark getötet wurden, hat keine einzige vorher versucht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „90 Prozent derjenigen, die von schwerer Gewalt bis hin zum Mord betroffen sind, wenden sich an niemanden“, sagt auch Marina Sorgo, Chefin des Gewaltschutzzentrums. „Das ist ein Drama. Man muss sich ansehen, wie man diese Hochrisikofälle erreicht.“
Gewalt schreckt ab
Ein Patentrezept gibt es dafür nicht. Wenn wo Gewalt draufstehe, sagt Michaela Gosch, schrecke das oft jene ab, die (noch) nicht davon betroffen sind. Insofern unterscheidet sich die neue Nummer von den vielen anderen Hilfstelefonen wie der österreichweiten Frauenhelpline (0800 222 555), dem 24-Stunden-Notruf der Frauenhäuser (0800 202017), dem Männernotruf (0800 246 247), dem Gewaltschutzzentrum (+43 316 774199) und dem Polizei-Notruf.
Findet man sich bei so vielen Nummern denn überhaupt noch zurecht? „Der Erfolg der neuen Nummer hängt davon ab, dass wir die Zielgruppen auch erreichen“, sagt Gosch.
Zu wenig Geld?
100.000 Euro nehmen die Resorts von Landesrätin Doris Kampus (SPÖ, Gewaltschutz) und Simone Schmiedtbauer (ÖVP, Frauen) für den Betrieb im ersten Jahr in die Hand. Auf den ersten Blick viel Geld. Vergleicht man es jedoch mit anderen Hotlines, erscheint die Zahl gering: Das psychiatrische Krisentelefon PsyNot kostet beispielsweise 1,7 Millionen Euro im Jahr, erst kürzlich wurden die Mittel um 600.000 Euro erhöht, weil zuvor „aufgrund der Einfachbesetzung rund 54 Prozent der Anrufe nicht unmittelbar bedient werden“ konnten. Allerdings wird mit diesen Mitteln auch ein ausfahrender Krisendienst aufgebaut.
Aus dem Büro von Doris Kampus heißt es dazu, dass es sich bei den 100.000 Euro um eine Anschubfinanzierung bis Jahresende handle, und man noch mehr Geld für Personal und Werbung bereitstellen würde, falls das nötig sei. Die KPÖ hat vorgeschlagen, die Nummer auf Milchkartons zu drucken.
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