Nach einigen durchtauchten Krisen traf ein doppelter Todesfall die Alternative-Rock-Legenden Sleater-Kinney 2022 tief bis ins Mark. Corin Tucker und Carrie Brownstein verarbeiten den Lebenstiefpunkt auf „Little Rope“ in vielseitigen Songs - und zeigen sich dabei so verletzlich und offen wie nie zuvor.
Es sind mysteriös-bedrohliche Klänge, mit denen das elfte Sleater-Kinney-Album „Little Rope“ startet. Erst langsam bilden sich ein paar sanfte Gitarrentupfer auf der schrägen Klanglandschaft, bevor Corin Tucker ihre markante Stimme einsetzt und für einen feurigen Moment der Wiedererkennung sorgt. „Hell“ nennt sich der Opener auf dem neuen Werk und in einer ebensolchen befanden sich Corin und ihre langjährige Partnerin, Kollegin und Freundin Carrie Brownstein. „Little Rope“ war bereits ursprünglich nicht den schönen Seiten des Lebens zugetan. Das Konzept hinter den zu einem großen Teil bereits 2022 geschriebenen Songs bestand aus Trauer, Unsicherheit und Fragilität. Wie umgehen mit Schicksalsschlägen, dem Älterwerden und schlimmen Momenten des Lebens? Fragen, die sich jeder stellt, mit der jeder konfrontiert ist. Besonders schlimm aber, wenn die Hölle buchstäblich über einen hereinbricht und das Leben völlig auf den Kopf stellt.
Todesnachricht
Im Herbst 2022 erhält Tucker einen folgenschweren Anruf von der amerikanischen Botschaft aus Italien. Brownstein hatte sie vor langer Zeit als Kontaktperson für Notfälle angegeben und zwischenzeitlich ihre Nummer geändert, weshalb der Anruf nicht direkt zu ihr gelangte. Die Nachricht, die von der anderen Seite des Ozeans nach Amerika schwappt, macht sprachlos. Während eines Italienurlaubs kamen Brownsteins Mutter und Stiefvater bei einem Autounfall ums Leben. Tucker überbringt ihrer besten Freundin die schreckliche Nachricht und die erste Schockstarre setzt ein. Langsam verarbeitet die Gitarristin das Schicksal und gibt sich ganz ihrem Instrument hin. Schon immer war die Band Sleater-Kinney ein Ventil für Katharsis, Emotionen und Sorgen. Doch nach dieser Realitätswatsche musste Brownstein sich erst einmal selbst finden. „Ich glaube, ich habe seit meinen Teenagerjahren nicht mehr so viel Gitarre gespielt“, sagt sie heute, „ich habe meine Finger stundenlang über das Griffbrett gleiten lassen, einfach, um mich daran zu erinnern, dass ich zu Bewegung und zur Existenz fähig bin.“
Der doppelte Todesfall im innersten Familienfeld ist der tragische Tiefpunkt einer an Tiefschlägen nicht gerade dünnen jüngeren Vergangenheit. Zuerst wurde die Band, die sich nach einer achtjährigen kreativen Schaffenspause 2014 wieder zusammenfand, für das 2019er-Album „The Center Won’t Hold“ zerrissen, weil der von St. Vincent produzierte, stellenweise sehr eingängige Synth-Pop-Zugang die Schrammelgitarrenfans der alten Tage verstörte. Dann gab es einen Gossip-Seiten-Kampf mit Ex-Drummerin Janet Weiss, der Tucker und Brownstein mitteilten, dass ihre kreativen Ergüsse nicht mehr gefragt wären und sie einfach nur ihr Instrument bedienen sollte. Das Resultat: Weiss zog nach fast 25 Jahren Gemeinschaft die Reißleine und Sleater-Kinney waren erstmals seit 1996 wieder auf die zwei Kernpersonen zurückgestellt. Erst das mehr als adäquate 2021er-Werk „Path Of Wellness“ versöhnte die Band wieder mit der Öffentlichkeit - bis der Schnitter seine unbarmherzige Brutalität exerzierte und das Kartenhaus namens Leben wieder einmal einbrach.
Unerwartete Sanftmut
„Little Rope“ wurde zu einem Mahnmal von Trauer und Verarbeitung, aber auch ein Paradebeispiel für Freundschaft, Zusammenhalt und Gemeinschaft. Vom erwähnten Opener „Hell“ weg schlägt das Werk mehrmals wilde Haken und zeigt das Duo so vielseitig wie nie zuvor. Eine Sanftmut wie im balladesken, sehr berührenden „Say It Like You Mean It“ hätte man Tucker vor nicht allzu langer Zeit gar nicht zugetraut. Produzent John Congleton ist das berührende Endergebnis zu verdanken. Er war mit der eingesungenen Originalversion ganz und gar nicht zufrieden, was bei der Interpretin anfangs für Verstimmung sorgte. Doch gereift von den Jahren und überzeugt von den Produzenten-Qualitäten ging sie in sich, versuchte es noch einmal und veredelte das Lied damit zu einem wahren Highlight im Band-Kanon.
Schmerzende und erleichternde Passagen halten sich auf „Little Rope“ die Waage. An vorderster Stelle steht die Menschlichkeit. Das gemeinsame Erschaffen von Liedern, deren Ursprünge und Verwandlungen über den normalen Weg von Kompositionen hinausgehen, weil sie mit derart viel Schmerz und Nihilismus gefüllt sind, dass sich die Musikerinnen wohl manchmal selbst zwicken mussten, um nicht von der unvermeidbaren Endlichkeit des Daseins eingesogen zu werden. Sleater-Kinney waren schon öfters in ihrer Karriere zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Auf ihrem gleichnamigen Debütalbum reflektierten sie 1995 wunderbar die Riot-Girrrl-Bewegung und waren genau die Band, die Kurt Cobain wohl noch gerne erlebt hätte. „One Beat“ war 2002 als „das Geräusch in der Stille“ nach 9/11 programmiert und „No Cities Of Love“, das Comebackwerk aus 2015, sah schon ein bisschen die durchschlagende Tristesse der Trump-Jahre voraus.
Unmittelbares Unwohlsein
„Little Rope“ ist durch die persönlichen Schicksalsschläge, durch die klangliche Vielfalt auf dem Album und nicht zuletzt durch das erneute Zusammenrücken der beiden Hauptprotagonistinnen mehr eine Art zweite (oder dritte oder vierte) Wiedergeburt, als eine bloße Fortführung des Bisherigen oder eine verkrampfte Neuerfindung. Der näher rückende Untergang der Welt paart sich mit persönlichen Schmerzen und evoziert in Nummern wie „Six Mistakes“, „Dress Yourself“ oder dem famosen, eigentlich gar nicht für das Album geplanten Closer „Untidy Creature“ nicht nur so noch nicht gehörte Instrumental-Abfahrten, sondern auch ein garagiges, durch und durch echtes Unwohlsein, wie wir es alle in unterschiedlichen Stationen unseres Lebens verspüren. Musik darf wehtun, sie darf fordern und trotzdem trösten. „Little Rope“ gelingt all das in etwas mehr als einer halben Stunde. Ein Husarenstück, wie es nur durch eine besondere Dringlichkeit entstehen kann.
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