"Wer sind die denn?!"
Deutsche Rüge erschütterte den Griechen-Stolz
CDU-Minister Schäuble kritisierte vor allem die an der Regierung in Griechenland beteiligte konservative Partei scharf. Die Nea Dimokratia von Parteichef Antonis Samaras bekenne sich nicht ausreichend zu den für eine Rettung des Landes vor dem Bankrott nötigen Schritten, so Schäuble am Mittwoch. "Wenn man glaubt, in den Wahlen erfolgreich abzuschneiden, indem man sich nicht zu den notwendigen Maßnahmen bekennt, dann ist das eine schwierige Situation. Darüber muss man sich in Griechenland klar werden."
"Nicht in Fass ohne Boden schütten"
Die Euro-Zone fordert eine schriftliche Verpflichtung der griechischen Koalitionsparteien auf den Sparkurs, damit dieser auch nach den für April geplanten Parlamentswahlen sicher fortgesetzt wird - weil, so Schäuble: "Wer stellt denn jetzt sicher, dass Griechenland auch danach zu dem steht, was wir jetzt vereinbaren?" Die Wahlen im April seien "sehr bedenklich". Schäuble ist sich "nicht sicher, ob sich alle in den politischen Parteien in Griechenland ihrer Verantwortung für die schwierige Lage ihres Landes bewusst sind".
"Wir sind uns unserer Verantwortung für Griechenland und für das griechische Volk aber sehr wohl bewusst", fügte der deutsche Finanzminister in einem TV-Interview hinzu. "Wir können helfen, aber wir können nicht in ein Fass ohne Boden schütten."
Der CDU-Politiker löste in Griechenland einmal mehr Empörung über das Verhalten Deutschlands und anderer Euro-Länder - etwa Niederlande oder Finnland, wo man zuletzt laut über eine Verschiebung des neuen Hilfspakets über 130 Milliarden Euro nachgedacht hatte - aus. Auch die deutsche Kanzelrin Angela Merkel hatte ja unlängst mit der Forderung nach mehr externer Kontrolle Griechenlands für einen wahren Sturm der Entrüstung gesorgt.
Papoulias: "Wer ist Herr Schäuble? Wer sind die Finnen?"
Griechenlands Staatspräsident Papoulias ging am Mittwochabend mit dem deutschen Finanzminister besonders scharf ins Gericht: "Ich kann nicht hinnehmen, dass Herr Schäuble mein Land beleidigt!", wetterte Papoulias sichtlich erbost. "Wer ist Herr Schäuble, dass er Griechenland kränkt? Wer sind die Niederländer? Wer sind die Finnen?", so der 82-Jährige, der selbst lange in Deutschland lebte, während Treffens mit dem Verteidigungsminister und Spitzenvertretern des Militärs.
Auch Griechenlands ehemalige Außenministerin Dora Bakoyannis wehrte sich gegen europäische Einmischungen bei geplanten Neuwahlen: "Es hilft nicht, wenn Herr Schäuble uns sagt, was für eine Regierung die Griechen haben sollen", sagte die frühere Nea-Dimokratia-Politikerin und derzeit unabhängige Abgeordnete am Donnerstag. Die deutsche Politik helfe mit solchen Aussagen nur den Kommunisten und Ultrarechten. Zwar verstehe sie das Misstrauen der Partner, aber man erkenne nicht ausreichend an, dass die griechischen Politiker mit der Zustimmung zum Sparpaket eine sehr schwere Entscheidung mit großer Mehrheit getroffen hätten.
Die Griechen müssten zwar ihre Hausaufgaben machen, sie seien aber auch ein stolzes Volk, sagte Bakoyannis. "Wir wollen, dass man uns Respekt entgegenbringt - das haben wir verdient."
"Keine anti-deutsche Stimmung in Griechenland"
Griechenlands Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis hielt die Flagge seines Landes ebenso hoch, zeigte sich aber diplomatisch: "Kritiker überall in Europa werfen uns vor, keine Reformen durchzuführen. Das ist nicht wahr." Es sei "nicht fair, ein Land jeden Tag zu drängen, seine Verpflichtungen zu erfüllen".
Chrysochoidis versicherte zugleich: "Es gibt keine anti-deutsche Stimmung in Griechenland. Es gibt keine Probleme mit Deutschen und Deutschland in Griechenland." Die geplanten Neuwahlen hält Chrysochoidis für keine gute Idee: "Griechenland braucht jetzt vor allem Stabilität."
Verheugen: "Griechen keine Kriminellen"
Am Donnerstag fand schließlich auch der frühere Vizepräsident der EU-Kommission, Günter Verheugen, klare Worte: Er halte den europäischen Umgang mit Griechenland für respektlos. Er sei entsetzt von der Tonlage, in der derzeit über die Griechen gesprochen werde. Ein Volk könne man nicht behandeln, "als bestünde es aus Kriminellen".
Das geplante neue Hilfspaket setze wie das bisherige erste Sparprogramm für Griechenland dogmatisch auf die falsche Erwartung, dass jeder nur den Gürtel enger schnallen müsse, um die Dinge ins Positive zu wenden, beklagte Verheugen. Statt für Wachstumsprogramme zu sorgen, agierten die Finanzminister der Euro-Zone mit ihrer Fixierung auf Haushaltsfragen wie eine Feuerwehr, die sich "in der Rolle eines Brandbeschleunigers" gefalle.
Die Folgen seien heute schon absehbar, sagte Verheugen in einem Interview: Wenn jeder zweite Jugendliche arbeitslos werde, stelle sich die Frage: "Wo sollen die Leute denn hin, wollen wir sie in Deutschland haben und ihnen Arbeitsplätze geben?"







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