Unbeaufsichtigt

Zehntausende Tonnen Waffen in libyscher Wüste

Ausland
27.10.2011 09:49
In der libyschen Wüste 120 Kilometer südlich der Stadt Sirte lagern unbeaufsichtigt Zehntausende Tonnen Munition aus den Beständen des getöteten Machthabers Muammar al-Gadafi. Wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch berichtete, gibt es dort rund 80 sandfarben gestrichene Betonbunker mit Munition aus überwiegend russischer und französischer Produktion. Laut Human Rights Watch liegen zudem Tausende Kisten Munition im Wüstensand vergraben.

Allein in einem der Bunker zählte der Reporter rund 8.000 100-Millimeter-Granaten. In anderen Bunkern lagerten demnach meterhoch Bomben von 250, 500 und 900 Kilogramm Gewicht sowie Raketen, Splitterbomben, Granaten und zahlreiche andere Waffen.

Munition im Visier von Plünderern
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zeigte sich in einer Erklärung besorgt über die unbewachten Waffenlager. Die Depots seien für jeden zugänglich, in viele Bunker seien bereits Plünderer eingedrungen, hieß es. Zudem würden rund um das Wüstenlager herum Tausende Munitionskisten im Sand liegen. Laut Human Rights Watch wurden sie auf Dutzenden Hektar verstreut, um ihre Zerstörung durch NATO-Luftangriffe zu verhindern. Ein Experte der Organisation schätzte die Menge der so gelagerten Munition auf "Zehntausende Tonnen".

In einem Vorort von Sirte, wo sich Gadafi bis zu seinem Tod am Donnerstag vergangener Woche mehrere Wochen lang versteckt hatte, fanden die Inspektoren von Human Rights Watch die leeren Behälter von 28 Raketen vom Typ SA-24, einer Boden-Luft-Rakete russischer Bauart. Mehr als 20 Boden-Luft-Raketen vom Typ SA-7, ebenfalls aus Russland, seien zudem in ihren Original-Behältern vorgefunden worden.

Während der Inspektion des Lagers tauchten der Organisation zufolge mehrere "Zivilisten und bewaffnete Anti-Gadafi-Kämpfer mit Pick-Ups" auf, "um weitere Waffen wegzuschaffen". Der Nationale Übergangsrat sowie die ihm angegliederte Übergangsregierung seien damit gescheitert, die Waffenbestände der ehemaligen Führung zu sichern, erklärte Human Rights Watch.

UNO will Flugabwehrraketen vor Terroristen finden
Auch die Vereinten Nationen machen sich Sorgen vor allem um die Kleinst-Flugabwehrraketen, die es zu Tausenden in Libyen geben soll. "In keinem Land der Erde, außer den Herstellerländern, gibt es so viele dieser gefährlichen Raketen wie in Libyen", sagte der UNO-Sonderbeauftragte Ian Martin am Mittwoch vor dem Sicherheitsrat in New York. Die kleinen Raketen, bekannt sind die amerikanischen "Stinger" oder die russischen "Strela", können von einem Einzelnen von der Schulter abgefeuert werden. Experten fürchten, dass Terroristen sie gegen Passagiermaschinen einsetzen könnten.

"Wir bemühen uns, diese Waffen möglichst schnell zu erfassen", sagte Martin. "Aber es gibt Hunderte mögliche Lagerplätze, die wir alle untersuchen müssen, und das sofort." Experten seien wegen des Problems in großer Sorge: "Diese Gefahr braucht unsere größte Aufmerksamkeit." Auch die anderen Tausenden Waffen, von der Pistole bis zum Kampfpanzer, nach den Kämpfen unter Kontrolle zu bringen, sei eine vordringliche Aufgabe. Insbesondere müssten schwere Waffen aus Wohngebieten weggeschafft werden.

Appell an Übergangsrat und Übergangsregierung
Der frühere Amnesty-International-Chef Martin sagte auch, dass der Nationale Übergangsrat und die Übergangsregierung in Libyen für die Sicherheit aller Menschen verantwortlich sei. "Sie sind verpflichtet, Rache zu verhindern und für Versöhnung zu sorgen - ganz wie Sie es in Ihrer Befreiungserklärung versprochen haben." Die Zeit für den demokratischen Umbau habe schon begonnen, die neuen Machthaber müssten vor allem für Sicherheit, eine funktionierende Verwaltung und für die Wirtschaft sorgen.

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