Während der NS-Zeit wurden im Zwangsarbeiterlager Graz-Liebenau bis zu 5000 Insassen gefangen gehalten. Viele kamen ums Leben. 1947 wurden mehr als 50 Menschen, die dort starben, exhumiert, weitere werden dort vermutet. Im August 2022 fand auf Initiative der Gedenkinitiative Graz-Liebenau auf dem Areal eine gezielte archäologische Grabung statt. Die Funde wurden am Donnerstag dem GrazMuseum übergeben.
Schuhsohlen, Brillenfassungen, Geschirr und Haarkämme. 60 Kisten füllen die Fundstücke, die von den Gräueltaten der Nazis im Lager Liebenau im Süden von Graz zeugen. Eine private Gedenkinitiative um Rainer und Uschi Possert hat sich in den vergangenen zehn Jahren der archäologischen Erforschung des Areals des ehemaligen Lagers verschrieben. Am Donnerstag wurden die unzähligen Fundstücke, die dort von der Firma Agris um Archäologin Sandra Schweinzer aus dem Boden geholt wurden, nun an das Graz-Museum übergeben.
Jedes Fundstück ist Zeuge eines Lebens
„Es war ergreifend, im Zuge der Grabungen all die Funde in der Hand zu halten, die längst vergessenen Opfern gehören“, sagt Possert bei der Übergabe. Die wissenschaftlichen Grabungen gehen auf seine Initiative zurück und wurden von der Stadt Graz mit 20.000 Euro gefördert. Auf menschliche Überreste ist man nicht gestoßen, aber: „Ganz in der Nähe unserer Grabungsstätte hat ein Leichenspürhund angeschlagen. Grabungen außerhalb des ausgewiesenen Gebiets waren aber leider nicht möglich“, erklärt er.
Für Sybille Dienesch, Leiterin des Graz-Museums, ist es „eine verantwortungsvolle Aufgabe, diese Objekte für künftige Generationen zu bewahren“. Was soll mit ihnen passieren? Erst einmal werden sie offiziell in die Sammlung der Stadt Graz aufgenommen und professionell archiviert. Possert plädiert für die Errichtung einer Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Lagers. Dem steht auch Dienesch positiv gegenüber, stellt aber klar, dass es dafür eine gesonderte Finanzierung brauche.
Gedenkhain und weitere Pläne
KPÖ-Bürgermeisterin Elke Kahr stellte am Donnerstag als „ersten Schritt einen Gedenkhain rund um die bereits bestehende Gedenktafel“ in Aussicht und will sich „Zeit nehmen, um eine adäquate Lösung für die Präsentation der Fundstücke zu finden“.
Am 16. Mai findet im Gedenken an die in Graz ermordeten Hunderten Opfer des Todesmarsches ungarischer Jüdinnen und Juden und der NS-Opfer im Lager Liebenau eine Gedenkfeier im Jugendzentrum Grünanger statt. In diesem Rahmen werden auch Vorträge zu den Grabungen zu hören sein.
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