Noch nie etwas von Orthoptistinnen gehört? Dann zählen Sie vermutlich zur überwiegenden Mehrheit in der Bevölkerung - denn obwohl die Spezialistinnen im Bereich Kinder-Augenheilkunde essenziell sind, ist über diese Berufsgruppe kaum etwas bekannt. Dass sie auch von der Politik links liegen gelassen werden, prangern nun Berufsgruppenvertreter aus Oberösterreich an.
Sie machen einen enorm wichtigen Job, sind aber vermutlich eine der unbekanntesten Berufsgruppen im Land: Knapp 50 Orthoptistinnen, also medizinisch-technische Experten in Sachen Augenheilkunde, gibt es in Oberösterreich. Von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, fühlen sie sich auch von der Politik übersehen. Denn im neuen Eltern-Kind-Pass (bisher Mutter-Kind-Pass) - die Begutachtung der entsprechenden Gesetzesnovelle hat kürzlich geendet, ein Beschluss ist im Juni geplant - ist eine orthoptische Untersuchung erneut nicht vorgesehen.
Wenn der Augenarzt mit seinem Latein am Ende ist
Für Ulrike Pichler vom Verband Orthoptik Austria ein schweres Versäumnis: „Wir sind die Experten für die Untersuchung von Kindern und beurteilen Sehfunktionen sowie visuellen Entwicklungsstand, prüfen auf Schielen, testen die Sehschärfe.“ Alles Fähigkeiten, die Augenfachärzte nicht zwingend können müssen, weil sie in deren Ausbildung nicht verpflichtend sind.
Auge wäre lebenslang funktionsuntüchtig geblieben
Pichler schildert einen Fall aus ihrem Arbeitsalltag: „Ich habe bei der orthoptischen Untersuchung eines vierjährigen Kindes festgestellt, dass die Sehschärfe auf dem schielenden Auge nur drei Prozent beträgt, die Dioptrin-Messung ergab +6,5 Dioptrin beidseits. Der Augenarzt hatte zuvor keine Auffälligkeiten gesehen.“
Fazit: Das Kind bekam eine Brille, musste eine Zeitlang jeden Tag das gute Auge zukleben, um das andere Auge zu retten. „Hätte man bis zum sechsten Lebensjahr gewartet, dann hätte die Therapie nicht mehr geholfen, und das Auge wäre ein Leben lang sehschwach und funktionsuntüchtig geblieben“, sagt Pichler.
Wir sind ein medizinischer Gesundheitsberuf, uns wird es aber verwehrt, mit der Gesundheitskasse abzurechnen. Das ist ein großer Missstand.
Ulrike Pichler, Verband Orthoptik Austria
Neben der Aufnahme in den Eltern-Kind-Pass kämpft die Orthoptistin auch darum, mit der Gesundheitskasse abrechnen zu können. Das ist derzeit in Oberösterreich nicht möglich, weshalb auch kaum Orthoptistinnen in Augenfacharztordinationen arbeiten. „Augenärzte wollen sich keine Orthoptistin leisten, weil sie das, anders als etwa in Niederösterreich, nicht abrechnen können.“
Gesundheitsberuf versus Dienstleister
Pichler versteht die Welt nicht mehr: „Optiker dürfen ab dem 15. Lebensjahr Brillen und Kontaktlinsen verordnen und mit der Kasse abrechnen. Wir sind ein medizinischer Gesundheitsberuf, und uns wird dies verwehrt, einem Gewerbe aber erlaubt. Das ist ein großer Missstand.“
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.