Mo, 20. August 2018

Giftiges rotes Meer

30.09.2011 09:33

Almasfüzito: Ungarns nächste Umweltzeitbombe

Wer durch Almasfüzito fährt, sieht sie nicht und riecht sie nicht. Sie liegt hinter dem verfallenen Aluminiumwerk mit dem in martialisch-realsozialistischem Stil gehaltenen Eingangsportal, hinter den paar traurigen Häusern und Vorgärten, aus denen einsame Hunde herausbellen, hinter dem zehn Meter hohen Damm. Und sie liegt ganz dicht an der Donau. Viel zu dicht. Denn sie ist gigantisch, rot, hochgiftig und gefährlich instabil - Ungarns nächste Umweltzeitbombe.

Grillen bezirpen einen wunderbar heißen Septembertag, wohl einen der letzten des Jahres. Das steppige Gras ist knochentrocken, jeder Schritt auf dem Schotterpfad wird von einer Staubwolke begleitet. Hinter einer schmalen Baumgruppe gleitet die Donau dahin, bedächtig und breit. Am gegenüberliegenden Ufer wird bereits Slowakisch gesprochen. Gleich ist der höchste Punkt des Dammes erreicht, ein paar struppige Gebüsche noch. Dann erstarrt die Landschaft - und jeder, der sie erblickt.

Was passiert, wenn sich Ungarns Altlasten gewaltsam ins Gedächtnis rufen, haben die Einwohner von Kolontar und Devecser vor exakt einem Jahr erfahren müssen. Da nämlich ist eines dieser uralten, monströsen Auffangbecken, gefüllt mit giftigem Schlamm, einfach auseinandergebrochen. Was folgte, war für Tausende Menschen eine Apokalypse von ungeahnten Ausmaßen. Dörfer wurden weggerissen, Landstriche vernichtet, Böden und Flüsse verseucht. Selbst ein Jahr nach der Katastrophe sind Dutzende Lkw immer noch dabei, die tief in die Erde gesickerten Schadstoffe abzugraben. Die Arbeit scheint kein Ende zu nehmen.

Material soll als Kompost verkauft werden
Rund 150 Kilometer Luftlinie nördlich jener beschaulichen Region, die sich am 4. Oktober 2010 in einen lebensfeindlichen Flecken verwandelte, sind in insgesamt sieben Becken zwölf Millionen Tonnen Rotschlamm begraben. Seine Hauptbestandteile: Eisen, Aluminium, Arsen, Chrom. Anders gesagt: pures Gift. Und das ist noch nicht alles. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace, die den Standort seit Längerem beobachtet, schlug nun endgültig Alarm. Denn laut einem Genehmigungsbescheid der zuständigen Umweltbehörde in Györ dürfen jährlich 412.000 Tonnen Abfälle angeliefert werden - 132.000 davon gelten als gefährlich.

Offiziell geht das, was in Almasfüzito geschieht, als "Kompostierung" in einer "Versuchsanlage" durch. "Nein, das ist kein Scherz. So wie es aussieht, wollen die Betreiber das gesamte Material durchmischen und anschließend als Kompost verkaufen", sagt Umweltaktivist Bernd Schaudinnus. Die Parallelen zu Kolontar sind nicht zu übersehen: Die Becken sind ebenso alt wie undicht. An einigen Stellen sickert der Giftbrei ungefiltert ins Grundwasser, Drainagen gibt es nicht.

Bricht ein Damm, heißt das erste Opfer Donau
Aber all das ist immer noch nicht das größte Problem. Was den Umweltschützern am meisten Angst einjagt, ist diese unmittelbare Nähe zur Donau. "Wenn hier Hochwasser ist, und es gab schon solche, dann ist das komplette Areal eine Insel", erklärt Schaudinnus. Und das Wasser weicht die alten Dämme auf, die sich vollsaugen und instabil werden. Bricht einer dieser Dämme, heißt das erste Opfer Donau. Sie würde dann die ungeheuren Mengen an Giftstoffen bis nach Budapest und weiter spülen.

"Kein Geld für neue, moderne Becken"
"Glauben sie mir, wir würden liebend gerne neue, moderne Becken bauen und den Giftschlamm dort deponieren. Aber wir haben dafür kein Geld." Zoltan Illes, ungarischer Umweltstaatssekretär, spricht anlässlich des bevorstehenden ersten Jahrestages der Katastrophe von Kolontar und Devecser Klartext. Im Rahmen einer Freiluftpressekonferenz auf einer frisch lackierten Holzbrücke, unter der der mausetote Fluss Torna dahin kriecht, bezeichnete er das Problem als ein gesamteuropäisches. Illes hätte nämlich gerne einen "EU-Superfonds", der die Finanzierung übernimmt. Ungarn allein könne sich das nicht leisten. "Leider."

Den Messergebnissen von Greenpeace widerspricht er erst gar nicht. Ganz im Gegenteil. "Ich bin ein großer Fan und gratuliere Greenpeace zu den Ergebnissen. Die Werte sind alle korrekt." Was die ungarische Regierung in Kolontar und Devecser geleistet habe, sei "weltweit einzigartig". 35 Milliarden Forint seien in den Wiederaufbau geflossen, umgerechnet rund 125 Millionen Euro. 358 Häuser sind von der Giftwalze zerstört, 112 neu errichtet worden. In ihnen wohnen jene Menschen, die nicht wegziehen, aber auch nicht in ihren Häusern bleiben wollten. Wie hoch die Entschädigung für diejenigen war, die sich anders entschieden haben, bleibt im Dunkeln.

Illes' Worte geben keinerlei Anlass zur Hoffnung. Ungarn scheint sehenden Auges auf die nächste Umweltkatastrophe zuzusteuern. Ereignet sie sich in Almasfüzito, dann reißt sie einen großen Teil der Donau mit in den Abgrund. Im Hintergrund des Umweltstaatssekretärs wird ohne Pause vergiftetes Erdreich abgetragen. Wo einst Häuser und Höfe standen, wuchert nun rostrot angestaubtes Gras. Und weil Illes wegen des Baggerlärms fast schon schreien muss, klingt sein Fazit doppelt bedrohlich: "So lange diese Probleme nicht gelöst sind, sind wir in Gefahr."

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