Mi, 19. September 2018

"EU muss handeln"

05.09.2011 20:20

Deutsche-Bank-Chef liest Banken und Politik Leviten

Deutschlands mächtigster Banker Josef Ackermann schlägt angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten Alarm und liest Banken und Politik die Leviten. Der Chef der Deutschen Bank sieht Parallelen zum Beginn der Finanzkrise 2008 - damals war die Weltwirtschaft nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers in eine tiefe Rezession gestürzt. Der Topmanager sprach sich für die Rettung der pleitebedrohten Euroländer, die günstiger als ein Auseinanderbrechen der Eurozone sei und gegen eine Zwangskapitalisierung der Geldinstitute aus.

"Die Kosten der Unterstützung schwacher Mitgliedstaaten sind auch und gerade aus der Sicht Deutschlands geringer als die Kosten der Desintegration", sagte Ackermann auf der "Handelsblatt"-Tagung "Banken im Umbruch" am Montag in Frankfurt. Noch entscheidender seien aber die möglichen politischen Folgekosten einer Desintegration.

"Es ist eine gefährliche Illusion zu glauben, ein Land könnte sich besserstellen, wenn es sich an die EU abgegebene Souveränität zurückholt - sei es in der Geldpolitik, bei der Personenfreizügigkeit oder bei der Regulierung", so der Deutsche-Bank-Chef. Ohne die Europäische Union wären alle europäischen Staaten in einigen Jahren politisch wie wirtschaftlich nur noch Randfiguren in der Weltpolitik, ist Ackermann überzeugt.

Rund 150 Milliarden Euro bei der EZB "geparkt"
Solange die Politik nicht klarmache, wie sie die Schuldenberge abbauen werde, trage sie zur anhaltenden Krise auf den Finanzmärkten bei, warnte Ackermann. Tatsächlich mehren sich seit einigen Wochen die Anzeichen für neues Ungemach. So ist das Misstrauen der Geldinstitute untereinander wieder deutlich gestiegen. Statt sich Geld zu leihen, deponieren sie es trotz geringer Zinsen lieber bei der Europäischen Zentralbank.

Die bei der EZB über Nacht "geparkten" Gelder stiegen am Montag auf 151,097 Milliarden Euro. Dies ist der höchste Stand seit August 2010. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise waren es in der Spitze allerdings fast 300 Milliarden Euro. Zugleich leihen sich die Institute nicht mehr so schnell Geld ohne Absicherung. Die Zinsen für unbesicherte Kredite in Euro waren zuletzt deutlich stärker gestiegen als für besicherte.

Bankaktien kennen derzeit nur Abwärts-Trend
Allerdings stehen die meisten Kreditinstitute inzwischen deutlich besser da als vor der Lehman-Pleite. Auch Ackermann bescheinigt den europäischen Bankensektor, im Vergleich zur Finanzkrise 2007/08 deutlich besser kapitalisiert und weniger von kurzfristiger Liquidität abhängig zu sein.

Dennoch kennen gerade Bankaktien an der Börsen derzeit nur einen Trend: abwärts. "Seit Jahresbeginn haben manche europäische Banken sogar ein Drittel und mehr ihrer Marktkapitalisierung eingebüßt", sagte Ackermann, der auch Chef des internationalen Finanzverbandes IIF ist. In das Bild passe, dass die Märkte für Staatsanleihen stark schwankten, auch in Deutschland und den USA. Selbst der Aufwärtstrend des Goldpreises verlaufe nicht stetig.

2008 platzte die Blase auf dem US-Immobilienmarkt und brachte das weltweite Finanzsystem ins Wanken. Heute sind es vor allem die schwächelnde US-Konjunktur und die Euro-Schuldenkrise, die für Unruhe sorgen. Banken haben milliardenschwere Forderungen an die Eurosünder Griechenland, Portugal oder Irland in ihren Büchern. Und noch größere Pakete von Spanien und Italien. Die Angst vor einem Übergreifen ist groß.

Das Problem: Staatsanleihen aus OECD-Staaten müssen nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Die Banken haben also möglicherweise Risiken in ihrer Bilanz stehen, die als solche nicht gekennzeichnet sind. Kann ein Land seine Schulden ganz oder teilweise nicht zurückzahlen, müssen die Banken die Anleihen aber abschreiben. Das könnte zu Verlusten führen, die das Eigenkapital verringern - und zwar möglicherweise so sehr, dass der Bank das Aus droht.

200 Milliarden Euro Banken-Zwangskapitalisierung?
Von einer in diesem Zusammenhang angedachten Zwangskapitalisierung der Geldinstitute, wie sie die neue IWF-Chefin Christine Lagarde fordert, hält Ackermann allerdings nichts. Rückendeckung bekommt er von anderen Instituten. "Der Gedanke des IWF ist ein Angriff auf das Geschäftsmodell der Banken", sagte etwa DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch. Der jüngste Banken-Stresstests zeige, dass das Bankensystem nicht rekapitalisiert werden müsse, ist auch die französische Großbank BNP Paribas überzeugt.

Der IWF hält eine Zwangskapitalisierung europäischer Geldhäuser für sinnvoll, um Rezessionen zu vermeiden. Auf Basis eines Szenarios, nach dem alle Banken ihre Euro-Staatsanleihen auf den Marktwert abschreiben, ermittelte der IWF einen Kapitalbedarf von 200 Milliarden Euro. Kritiker halten die Annahme für wirklichkeitsfremd. Die Zahl von 200 Milliarden Euro wurde Ende vergangener Woche öffentlich und stieß auf heftige Kritik in vielen Euro-Ländern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.

Nachrichten aus meinem Bundesland
Die Bekanntgabe Ihres Bundeslandes hilft uns, Sie mit noch regionaleren Inhalten zu versorgen.