Neues Album „Strays“

Margo Price: Erbarmungslose Lebensreflektion

Kultur
13.01.2023 06:01

Aus den Pandemiejahren kehrt US-Country-Star Margo Price mit einer wuchtigen Lebensbeichte zurück. Auf ihrem Album „Strays“ und in ihrem Buch „Maybe We‘ll Make It“ thematisiert sie ihre Alkoholsucht, den Tod ihres Sohnes und die Schwierigkeit, dabei eine Ehe stabil zu halten. Ein intensives Karrieremanifest, das auch musikalisch nach neuen Ufern sucht.

In einer Welt der Angepasstheit und des kollektiven Gehorsams braucht es umso mehr die Stimme des Ausbruchs und der Eigenständigkeit. Das Subgenre-übergreifende Prädikat „Country Music“ bedeutet in den USA seit geraumer Zeit nichts anderes als Popmusik. In den Mainstream-Charts tummeln sich zumeist glattgebügelte Stetson-Träger mit schablonenhaften Songentwürfen und oberflächlichen Text-Plattitüden. Und dann gibt es jene wie Margo Price. Die 39-Jährige ist so etwas wie der diametrale Gegenentwurf zur fein zusammengestellten Marktperfektion. Eine leidenschaftliche Sängerin aus dem ruralen nirgendwo (Aledo, Illinois), die ins mondäne Musikmekka Nashville, Tennessee zieht und dort zum Superstar wird - dafür aber mehrmals einen hohen Preis zahlt.

Gegen die Marktregeln
Jahre vor ihrem großen Durchbruch lernt sie ihren Mann kennen, plagt sich in politkritischen Bands, als Kellnerin und Tanzlehrerin für Kinder ab und schafft 2016, im Alter von bereits 33 Jahren, mit dem Country-Album „Midwest Farmer’s Daughter“ plötzlich den flächendeckenden Durchbruch. Über Jack Whites Label Third Man gelingt ihr über Nacht der Sprung auf Platz eins der US-Country-Charts, sie heimst einen Award nach dem anderen ein und wird von Rampenlicht zu Rampenlicht gereicht. Price genießt den Ruhm, spielt aber nicht nach den Regeln des Marktes. Ihr ähnlich erfolgreicher Nachfolger „All American Made“ (2017) ist eine Abkehr von der traditionellen Country-Formel, mit dem Pandemie-Album „That’s How Rumours Get Started“ (2020) dringt sie gar in Classic-Rock-Gefilde vor und wird auch textlich immer kantiger.

Zu dieser Zeit beginnt Price an ihrem seit Herbst erhältlichen Buch „Maybe We’ll Make It“ zu schreiben, das zurecht ein Beben in der Musikszene auslöst. Unverblümt, offen und bewusst schroff thematisiert sie ihre jahrelange Alkoholsucht, die zu einem volltrunkenen Autounfall und dem Gang ins Gefängnis führte. Sie spricht über den tragischen Tod einer ihrer Zwillingssöhne direkt nach der Geburt und das Glück, neun Jahre später eine Tochter in die Welt gesetzt zu haben. Sie erörtert die unglaublich harten Kämpfe mit Ehemann/Gitarrist Jeremy Ivey, nicht an den Schicksalen des Lebens zu verzweifeln und trotz allem zueinander zu stehen. „Mein Mann hat mich herausgefordert, so ehrlich und brutal wie möglich zu sein“, erzählte sie dem „Rolling Stone“, „ansonsten hätte ich mich mit dem Buch nur selbst belogen.“

Ritt durch die Welten
Nun erscheint mit ihrem vierten Album „Strays“ der verlängerte musikalische Arm ihrer Lebensbeichte. Darauf spricht sie offen über das selbst erlebte „Hell In The Heartland“, wünscht sich aufgrund vieler Verfehlungen eine „Time Machine“ und berichtet in „Light Me Up“ feministisch über Orgasmen aus der weiblichen Perspektive. Ein Großteil der Songs kreierte Price auf einem sechstägigen Trip nach South Carolina mit ihrem Ehemann. Man warf sich „Magic Mushrooms“ ein, ließ Platten von Bob Dylan, Fleetwood Mac und Neil Young rotieren und begab sich auf eine psychedelische Suche nach neuen Inspirationen. Das Resultat ist ein wilder Ritt durch die musikalischen Welten. Heitere Klangmomente wie in „Radio“ oder „Time Machine“ sind rar gesät, die meiste Zeit streift Price mit ihrer Band durch eine Mischung aus psychedelischen Alt-Country, Alternative Rock und Heartland-Feeling.

Price traut sich auf „Strays“ noch stärker aus ihrem Kokon, entkoppelt sich fast zur Gänze vom Riesenerfolg ihres beliebten Debüts und schafft mit kompromissloser Geradlinigkeit eine weitere Neuerfindung, die aber nicht schablonenhaft oder gekünstelt klingt. Produzent Jonathan Wilson, zuletzt schon erfolgreich für Angel Olsen oder Father John Misty tätig, drückte Price in seinem Studio im kalifornischen Topanga Canyon genau die richtige Dosis Klangwucht aufs Auge, sodass man die Fragilität und Verletzlichkeit der Protagonistin und ihrer Geschichten immer nachvollziehen kann. Als Gäste sicherte sich Price unter anderem die famose Sharon Van Etten und Tom Pettys Stammgitarristen Mike Campbell, der keinesfalls bekannt ist für Features bei anderen Künstlern.

Ein Karrieremanifest
Die Künstlerin singt sich mit starker Stimme und immensem Selbstvertrauen durch die teils ungemein persönlichen Kapitel ihres Lebens und kämpft damit nicht nur niedergeschrieben, sondern auch auditiv persönliche Dämonen nieder. Das inhaltliche Crescendo steigert sich bis zum vorletzten und intensivsten Song des Albums, „Lydia“. Eine schon ein gutes Jahr vor dem in den USA wegweisenden Roe-vs.-Wade-Urteil geschriebene Parabel über die innere Zerrissenheit einer Frau, die schwanger ist und sich nicht in der Lage sieht, ein Kind großzuziehen. Sieben sich nicht reimende Strophen ersetzen klassische Songstrukturen und erzählen intensiv von lebensverändernden Entscheidungen, fehlenden Krankenversicherungen und dem ganz normalen Alltagswahnsinn in den Vereinigten Staaten. Verknüpft mit ihrem Buch ist „Strays“ Price’s bisheriges Karrieremanifest und ein gleichermaßen feministisches, wie auch progressives Werk, das wie eine Bombe in der nur scheinbar heilen Entertainmentwelt der Vertuschungen und Oberflächlichkeiten platzt. Ein wichtiges und richtiges Album.

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