Sager regt auf

Herr Stelzer, sind wir wirklich so verwöhnt?

Oberösterreich
08.12.2022 09:00

Ein bewusst eingebauter Sager des Landeshauptmanns über „verwöhntes Leben“ in der Budgetrede regt die Oberösterreicher offenbar mehr auf, als die Neuverschuldung. Unterstützer für die Aussage gibt’s so gut wie keine.

Sind wir wirklich verwöhnt? Von der diesjährigen Budgetrede unseres Landeshauptmanns bleibt wohl vor allem dieser Satz übrig: „Ja, es ist schwer zu akzeptieren, dass unser gewohntes, um nicht zu sagen verwöhntes Leben vor Corona und vor der Rückkehr des Krieges nach Europa nicht mehr so sein wird. Und auch nicht mehr so zurückkommen wird.“

Damit stimmte Thomas Stelzer auf schwierigere Zeiten ein, verkündete eine Neuverschuldung von 90,31 Millionen Euro bei einem Budget von 8,14 Milliarden Euro. Doch das ging zumindest bei den Reaktionen der Oberösterreicher unter. Nur der „Verwöhntes Leben“-Sager, den der LH bewusst in der Rede eingebaut und mit einer Pause auch hervorgehoben hatte.

„Abgehobener geht’s nimmer“; „unfassbare Entgleisung des LH gegenüber der Bevölkerung“; „ob es bei den Politikern auch so hart wird wie beim Volk?“; „wir hackeln bis zum Umfallen, und uns bleibt nichts mehr“ – das sind nur einige Kommentare in sozialen Medien. Und auch die Opposition schäumt: „Hier lässt Stelzer jeden Anstand vermissen. Die Tonalität brachte zum Ausdruck, dass die Oberösterreicher über ihre Verhältnisse leben würden“, sagt SPÖ-Landesgeschäftsführer Florian Koppler. Und: „Über 400 Millionen Euro nimmt das Land durch Teuerungseffekte im Budget ein. Nur 18 Millionen geben ÖVP und FPÖ zurück.“

Die „Krone“ bat Stelzer um eine Stellungnahme zur „Verwöhntes Leben“-Debatte: „Die Jahre vor Corona waren für Österreich und verglichen mit vielen anderen Ländern sehr gute Jahre, die von nahezu selbstverständlichem Frieden und Sicherheit, von Wohlstand und Wachstum geprägt waren. Jetzt erleben wir mit Corona und dem Krieg in der Ukraine eine Zeitenwende. Gerade als Regierungschef muss man den Mut haben, es offen anzusprechen: Wir erleben Änderungen, die der Staat nicht auf Dauer zu 100 Prozent kompensieren können wird. Der Staat muss und wird soziale Härtefälle abfedern und schwere wirtschaftliche Strukturbrüche verhindern. Und dafür nehmen wir auch viel Geld in die Hände. Je schneller wir alle akzeptieren, dass wir mit neuen Grundlagen konfrontiert sind und uns darauf einstellen, desto besser kann es uns gelingen, aus diesem Umbruch einen Aufbruch für unser Land zu machen.“

Pro und Contra
Die „Krone“-Redakteure machten sich auch ihre Gedanken zum Thema und es gibt durchaus gegensätzliche Ansichten

(Bild: Krone KREATIV, Alexander Schwarzl, Markus Wenzel)

Zu hohe Erwartungen
Teuerungsausgleich? Zu wenig! Klimabonus? Zu bürokratisch! Pflegebonus? Ein Desaster! Die Reaktionen auf den Versuch der öffentlichen Hand, die global um sich greifenden Krisen für den Einzelnen erträglicher zu machen, lassen zum Teil tatsächlich den Schluss zu, dass wir uns vom sozialen Wohlfahrtsstaat ein bisschen zu viel erwarten.
Es stimmt schon: Politiker müssen alles dafür tun, das Leben für ihr Wahlvolk so gut und angenehm wie möglich zu gestalten. Es ist aber nicht ihre Aufgabe, alle individuellen Einschränkungen auszugleichen oder - wie im Fall der Corona-Hilfen - gar überzukompensieren. Wer das akzeptiert, gerät nicht in den Verdacht, zu den „Verwöhnten“ zu gehören.

(Bild: Krone KREATIV, Alexander Schwarzl, Markus Wenzel)

Bisserl mehr G’spür
Es geht den allermeisten von uns gut, sozial schaut kaum jemand durch die Finger. Aber verwöhntes Leben? Davon sind die „Otto Normalverbraucher“ in Oberösterreich wohl weit entfernt.
Den wenigsten fällt der Reichtum in den Schoß, wir erarbeiten uns Haus, Auto und Urlaub hart - und zahlen auch genug ein, damit das Gesundheits- und Sozialsystem alle auffängt. In Krisenzeiten rücken wir auch zusammen. Dem Durchschnitts-Oberösterreicher - jeder Zweite verdient unter 2500 € brutto pro Monat - zu sagen, dass er verwöhnt ist, wenn man selbst 18.751 € bekommt - da muss man sich den Vorwurf der Abgehobenheit gefallen lassen. Ein bisserl mehr G’spür wäre angebracht.

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