Live im Porgy & Bess

James Ulmer: „Der echte Blues ist schwer und pur“

Wien
28.10.2022 06:01

James „Blood“ Ulmer gilt als einer der vielseitigsten und herzhaftesten Gitarristen der Jazz- und Bluesszene. Der 82-Jährige begeistert seit mehr als sechs Dekaden mit seinem profunden Spiel, das stets nach Perfektionismus sucht und keine Grenzen kennt. Heute Abend kommt Ulmer mit seinem Revelation Ensemble für ein Konzert ins Wiener Porgy & Bess.

Willie James Ulmer lässt sich am besten als „amerikanischer Weltbürger“ umschreiben. Das gilt für den kultigen Jazz- und Bluesgitarristen gleichermaßen im musikalischen, wie auch geografischen Sinne. Geboren in St. Matthews, South Carolina, begann er seine Karriere Ende der 50er-Jahre in Pittsburgh, Pennsylvania, ging in den 60ern nach Columbus in Ohio und erprobte sich auch in der harten Metropole Detroit. Seine endgültige Heimat fand er vor mehr als 50 Jahren in New York, doch auf seinen Reisen quer durchs Land entwickelte Ulmer seinen einzigartigen Gitarrenstil, der ihn zwischen alle Genre-Stühle rückte. Blues und Jazz sind das Fundament seines Spiels, doch Soul, Funk und R&B sind genauso in seinem Herzen verankert wie der Gospel, der Ulmer als Grundlage für seine herausragende Karriere diente.

Bunte Ausbildung
„Ich kam mit 19 nach Pittsburgh und spielte davor fast nur Gospel“, erinnert er sich im Gespräch mit der „Krone“ an die Frühphase seiner Karriere zurück, „wenn du Gospel machst, bleibt kaum Zeit für anderes.“ In Pittsburgh lauerten hinter jeder Straßenecke Do-Wop-Gruppen, denen es an kundigen Gitarristen fehlte. Ulmer beherrschte das Gitarrenspiel, hatte aber kein Geld für das Instrument. „So haben die Jungs, mit denen ich spielte, eine Gitarre und einen Verstärker besorgt und dann sind wir alle zusammen aufgetreten.“ Beim Kult-Orgelspieler Hank Marr lernt Ulmer wenig später seine Stilverfeinerung Richtung Jazz und Soul, in seiner kurzen Detroit-Zeit wird er mit dem Funk infiziert und in New York findet Ulmer als lernwilliger Schüler bei Freejazz-Pionier Ornette Coleman seine musikalische Heimat. Zu dieser Zeit hat er schon Auftritte mit Dionne Warwick, John Patton oder Art Blakey hinter sich.

„Coleman hat mich aber sicher am Stärksten geprägt“, erinnert sich der mittlerweile 82-Jährige mit leuchtenden Augen zurück, „er war ein wahrer Vollblutmusiker, der der Kunst alles untergestellt hat. Er war perfekt auf seinem Instrument und hat es stets geschafft, alle anderen um ihn herum besonders stark hervorzuheben. Ich habe eine Zeit lang mit ihm gespielt und diese Phase meines Lebens noch heute prägend in Erinnerung.“ Spätestens mit seinem heuer 40 Jahre alt gewordenen Meisterwerk „Black Rock“ wurde Ulmer der freien Improvisation Colemans abtrünnig und stellte sein Spiel auf Harmonien, Rhythmen und einen Rock-Gestus um, der ihm schnell Vergleiche mit Jimi Hendrix einbrachte. Musikalische Granden wie Vernon Reid von Living Colour oder Funk-Gott Prince wurden von Ulmer beeinflusst, der sich davon aber nicht aus seiner Bodenhaftung reißen lässt. „Natürlich ist so etwas schön zu hören, aber auch mir haben tolle Gitarristen und Instrumentalisten wie Jimmy Reed den Horizont erweitert.“

Tägliches Üben ist Pflicht
Die Liebe und Hingabe zur Musik ist Ulmer angeboren und hat sich auch im hohen Alter nicht verändert. „Musik muss man sich erarbeiten. Sie springt dir nicht einfach so aus den Fingern, du musst hart für sie kämpfen. Es braucht viel Zeit und Anstrengung, damit man seinen eigenen Weg findet. Ich spielte seit gut 20 Jahren jeden einzelnen Tag Gitarre. Ich übe sehr hart, um immer besser zu werden und meinen Wert als Gitarrist zu steigern.“ Im Juli 2021 gab Ulmer in der kurzen Sommeratempause zwischen Corona-Lockdowns einen famosen Solo-Gig im Wiener Porgy & Bess, bei dem er gefühlt auch den Frust und die Langeweile des tatenlosen Daheimsitzens in seiner Heimat New York durch die Finger gleiten ließ. „Ich bin in erster Linie froh, alles gesund überstanden zu haben und war eineinhalb Jahre in keinem Flugzeug. Das ist man als Musiker nicht gewohnt.“

Fans nennen Ulmer zuweilen liebevoll einen „Dämon an der Gitarre“, was nicht zuletzt an seinen grandiosen Fertigkeiten im Blues-Segment liegt. In der „Musik des Teufels“ ist Ulmer genauso federleicht beheimatet, wie im Gospel oder Jazz. „Ich finde ja, dass die Menschen den Blues schon immer missverstanden haben. Du kannst ihn nicht nachspielen, du musst ihn fühlen. Er ist ernsthaft und erzählt zumeist eine schwere Geschichte. Ich habe bei Gott nichts gegen die Blues Brothers, aber für mich ist das kein Blues, was sie machen. Das sind lustige und unbeschwerte Inhalte, die mit dem eigentlichen Sinn dieser Musik nichts gemein haben. Der echte Blues ist schwer, er ist schmerzhaft und er ist pur. Man kann den Blues nicht um des bloßen Spielens willen spielen. Er braucht Freiheit und Luft zum Atmen. Er folgt keinen Regeln und muss authentisch umgesetzt werden.“

Ehrlichkeit ist Trumpf
Nach mehr als 60 Jahren bunter Karriere muss Ulmer längst nichts mehr beweisen, pusht sich selbst aber gerne zu immer neuen Höchstleistungen. „Am Wichtigsten ist es, den Fokus richtig zu setzen und die Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn ein Konzertabend einmal nicht so gut läuft oder du eine Schreibblockade hast, dann mach einfach weiter. Niemals aufgeben, denn es wird irgendwann wieder besser. Wenn du deine Musik ehrlich meinst, dann werden dir die Leute folgen. Völlig egal, ob das in New York oder in Wien passiert.“ Heute Abend, am 28. Oktober, spielt Ulmer mit dem Music Revelation Ensemble in Form von Mark Peterson am Bass und Grant Calvin Weston am Schlagzeug im Wiener Porgy & Bess. Ein Konzert, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Unter www.porgy.at gibt es noch Karten und alle Infos zum Gig. Auch an der Abendkasse werden noch Tickets erhältlich sein.

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