Laut Anwalt

Utöya-Attentäter Breivik bekennt sich zu Bluttat

Ausland
24.07.2011 08:54
Der Terrorverdächtige in Norwegen bekennt sich nach Angaben seines Anwalts zu seiner Verantwortung. Sein Mandant habe sein Handeln als "grausam, aber notwendig" beschrieben, sagte Anwalt Geir Lippestad am Samstagabend dem norwegischen Fernsehsender NRK. Er habe aber "diese Taten zu Ende bringen müssen". Sie seien "wahrscheinlich seit Langem geplant" gewesen, ergänzte der Verteidiger von Anders Breivik.

Der 32-jährige Norweger wird für den Anschlag im Osloer Regierungsviertel und das Massaker während eines Jugendlagers der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utöya am Freitag verantwortlich gemacht. Durch beide Taten starben mindestens 92 Menschen.

Verteidiger Lippestad meinte zu den Verhören in TV2: "Man hat ihm das unglaubliche Ausmaß des Schadens und die Zahl der Toten erklärt. Seine Reaktion war, dass er die Ausführung der Tötungen als grausam, aber in seinem Kopf als notwendig erachtete."

Aussagen des Norwegers zu seinem Motiv für die beiden furchtbaren Anschläge wollte der Anwalt nicht öffentlich wiedergeben, ehe er sie nicht noch einmal genau durchdacht habe. "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat", so Lippestad über seinen Mandanten, der nach seinem eigenen Einverständnis nun offenbar auf psychische Störungen untersucht werden soll.

Bei einem Hafttermin am Montag wolle Breivik zudem ausführlich über die Motive für die von ihm gestandenen Taten berichten, sagte Lippestad der Nachrichtenagentur NTB am Sonntag. 

1.500 Seiten starkes Manifest veröffentlicht
Wenige Stunden vor dem ersten Anschlag hatte der Attentäter an mehrere Adressaten per Mail sein 1.500 Seiten umfassendes "Manifest" mit dem Titel "2083 - A European Declaration of Indepence" ("2083 - Eine europäische Unabhängigkeitserklärung") verschickt. Darin schrieb er nach Angaben von NRK unter anderem, er wolle Europa "vor Kulturmarxismus und Islamisierung retten" (einen ausführlichen Bericht dazu findest du oben).

In einem YouTube-Video, das norwegischen Medienberichten zufolge inzwischen von den Betreibern gelöscht wurde, fasste Breivik dieses Manifest zusammen. In dem zwölf Minuten langen Film, der am Freitag eingestellt wurde, wechseln sich islamophobe Tiraden mit Lob für die mittelalterlichen Kreuzritter ab. Auch der Marxismus und multikulturelle Gesellschaften werden darin kritisiert. Breivik ist darin auf drei eingeblendeten Fotos zu sehen. Eines zeigt ihn mit einem Sturmgewehr.

Polizei stuft Verhöre als "schwierig" ein
Die Polizei ist sich weiter unsicher, ob Breivik alleine handelte oder nicht zumindest einen Helfer hatte. "Er sagt, dass er allein war, aber die Polizei muss alles verifizieren, was er sagt. Nach einigen Zeugenaussagen von der Insel sind wir nicht sicher, ob es ein oder mehrere Schützen waren", sagte Polizeichef Sveinung Sponheim bei einer Pressekonferenz.

Die Verhöre werden von der Polizei als schwierig eingestuft, Breivik sei aber "auskunftsbereit". Gegenüber den Beamten habe er bisher gestanden, auf Utöya Schüsse abgegeben zu haben, sagte ein Polizeisprecher. 

Weiter hieß es, der 32-Jährige habe sich am Freitag bei Ankunft von Antiterror-Spezialisten freiwillig festnehmen lassen. Die Polizei musste jedoch einräumen, dass die Beamten Probleme hatten, ein Boot für die Überfuhr zur Insel zu beschaffen. Daher habe das Massaker, bei dem nach bisherigem Stand 85 Jugendliche starben, eineinhalb Stunden gedauert.

Als "christlicher Fundamentalist" beschrieben
Zuvor waren am Samstag immer mehr Details zum Leben des festgenommenen 32-Jährigen durchgesickert. Nach Medienberichten handelt es sich um einen "christlichen Fundamentalisten", der Kontakte zur rechten Szene unterhielt. Dem TV-Sender NRK zufolge distanzierte er sich allerdings von Neonazis. Breivik, groß, blond und blauäugig, habe sich im Internet selbst als Nationalist und Gegner einer multikulturellen Gesellschaft bezeichnet, berichtete die norwegische Zeitung "Verdens Gang". 

Der Mann war unbescholten, bis auf eine Jahre zurückliegende Strafe für ein Verkehrsdelikt. Er besitze Waffenscheine, unter anderem für eine Glock-Pistole, schrieb das Blatt, dessen Redaktionsgebäude in Oslo durch eine - mutmaßlich von Breivik verursachte - Bombenexplosion schwer beschädigt worden ist.

"Anti-islamischer Rassist"
Vieles würde darauf hindeuten, dass der Attentäter mit einem bekannten "islamkritischen" Blogger ident sei, meinte der Wiener Politologe Thomas Schmidinger. Recherchen seriöser Webseiten würden das belegen. "Man könnte deshalb auch vom ersten größeren Anschlag eines anti-islamischen Rassisten in Europa sprechen", betonte Schmidinger. Die Kommentare des Bloggers, dessen letzter Eintrag allerdings bereits von 2005 stammt, seien von zahlreichen anti-islamischen und rassistischen Internetseiten übernommen worden.

Im vergangenen Jahr hatte Breivik die ehemalige norwegische Regierungschefin Gro Harlem Brundtland als "Landesmörderin" bezeichnet. Bei Beobachtern der rechten Szene in Norwegen hatte man die regen Aktivitäten des 32-Jährigen im Internet schon länger registriert. Allerdings: "Alle kennen seinen Namen, aber man weiß eigentlich nicht, wer er ist", sagt Kari Helene Partapuoli, Leiterin des Antirassistischen Zentrums, gegenüber der Zeitung "Aftenposten". Ihre Erkenntnisse: Der mutmaßliche Attentäter sei nicht an eine Organisation angedockt, stütze sich aber in seinen Ansichten "auf europäische rechtsextreme Strömungen". Insofern sei aus seinen Postings "klassische rechtsextreme Rhetorik" herauszulesen.

Breivik beschreibt sich als "christlich" und "konservativ"
Auf der Facebook-Seite Breiviks beschreibt sich dieser als "konservativ" und "christlich". Er sei der Leiter eines Bio-Bauernhofs, Junggeselle und interessiere sich für die Jagd sowie für Computer-Spiele wie "World of Warcraft" und "Modern Warfare 2". Seine Firma Geofarm soll sich "Verdens Gang" zufolge dem Anbau von Gemüse und Knollengewächsen gewidmet haben. Andere berichteten, dass der Mann mit seiner Mutter lebte und sich sein Anwesen auf dem Land etwas außerhalb von Oslo befinde. Im Frühjahr habe er mit dem Einkauf von Kunstdünger begonnen, der für die Herstellung von Sprengsätzen verwendet werden kann.

In Online-Foren zeigte sich Breivik als belesen. Immer wieder machte er sich gegen eine multikulturelle Gesellschaft stark. Medienberichten zufolge soll er Freimaurer und kurze Zeit Mitglied der rechtsgerichteten Fortschrittspartei FrP und deren Jugendorganisation gewesen sein. Dafür gab es zunächst allerdings keine Bestätigung.

Philosophen-Botschaft getwittert
Breivik hat offenbar am 17. Juli eine Twitter-Nachricht verschickt - seine einzige von dem Konto unter seinem Namen. "One person with a belief is equal to the force of 100.000 who have only interests", twitterte der 32-Jährige. Die Botschaft geht auf den englischen Philosophen John Stuart Mill zurück, wonach ein Mensch mit Überzeugung stärker ist als 100.000 Menschen, die nur ihre eigenen Interessen vertreten.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Ausland
24.07.2011 08:54
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung