Unwürdige Zustände?
Kritik an Mattel nach Selbstmord in Spielzeugfabrik
Die 45-jährige Nianzhen Hu war schon zwei Jahre als Fließbandarbeiterin beim Mattel-Zulieferer Taiqing in Shenzhen beschäftigt, als sie sich Mitte Mai nach einem Streit zwischen ihr und einem Vorgesetzten aus dem Fenster des sechsten Stockwerks stürzte und starb. Dem Selbstmord waren laut Angaben der NGOs "China Labor Watch" und "Südwind" mehrere Auseinandersetzungen vorausgegangen, bei denen Hu wegen angeblich zu niedriger Produktionsquoten kritisiert und beschimpft wurde und trotz Augenproblemen in der Fabrik bleiben musste, um Fehler auszubessern. Die Polizei von Shenzen hat mittlerweile Ermittlungen gegen die betroffene Fabrik aufgenommen. Es habe allerdings laut den Behörden seither keine weiteren Selbstmorde gegeben.
Offener Brief an Mattel-Geschäftsführer
Vom tödlichen Sprung aus dem Fenster wurde Nianzhen Hus Familie – sie hinterlässt einen Mann und drei Kinder - erst vier Stunden später informiert. Als die Angehörigen in der Fabrik eintrafen, wurde ihnen der Zugang zum Leichnam verweigert - angeblich aus Sicherheitsgründen. Einige Tage später kehrten sie zur Fabrik zurück, um der Toten zu gedenken und Kerzen anzuzünden. Dieses Mal seien sie vom Sicherheitsdienst der Fabrik so schwer verprügelt worden, dass sie im lokalen Krankenhaus behandelt werden mussten, schildert "China Labor Watch" in einem offenen Brief an Mattel-Geschäftsführer Robert Eckert die Ereignisse nach dem Selbstmord von Nianzhen Hu.
Familie streitet um angemesse Abfindung
Der Ehemann von Nianzhen Hu verurteilte die Arbeitsbedingungen in der Fabrik aufs Schärfste. Er spricht von permanetem Stress wegen steigenden Produktionsquoten, Strafzahlungen und unbezahlte Nacharbeit seien die Regel. Den Mitarbeitern würde keine Zeit für Toiletten- und Trinkpausen bleiben. "Wenn jemand die Quote nicht erreicht, wird sie oder er beschimpft und verwarnt. Nach drei Verwarnungen folgt der Rausschmiss", schildert eine Kollegin Hus den Arbeitsalltag in der Fabrik.
Die engsten Angehörigen haben ihre eigenen Fabrikjobs mittlerweile verloren, weil sie sich für die Beerdigung ihrer Frau und Mutter freigenommen hatten. Den Streit um eine angemessene Abfindung für den Tod Nianzhen Hus haben sie nach sechs Verhandlungsrunden mit der Fabrikleitung und einer Zahlung von nur 90.000 Yuan (ca. 9.600 Euro) vorerst aufgegeben. Mit Unterstützung der "Südwind"-Kampagne "Spielsachen fair machen!" fordern sie nun von Mattel, sich für eine Abfindung von mindestens 250.000 Yuan (ca. 26.600 Euro) für den Tod von Nianzhen Hu bei der Fabrikleitung einzusetzen.
Verantwortung von Mattel gefordert
Mattel bedauerte indessen in einem E-Mail den Selbstmord Hus, wies aber zugleich daraufhin, dass die Fabrik nicht vom Unternehmen betrieben werde, sondern lediglich Zulieferaufträge für Mattel abwickle. "Mattel muss Verantwortung für seine Zulieferbetriebe übernehmen und sofort wirksame Maßnahmen setzen, um neue Selbstmorde zu verhindern, den moralischen und physischen Druck auf die Arbeiter zu reduzieren und die Arbeitsbedingungen zu verbessern!", fordert Claudia Bonk, Leiterin der "Südwind"-Kampagne "Spielsachen fair machen!".
Bereits im Jahr 2009 hätten Untersuchungen durch NGOs bei Zulieferern von Mattel gezeigt, dass dort Menschen- und Arbeitsrechte verletzt wurden, so Bonk. Zu den weiteren damals festgestellten Verletzungen des chinesischen Arbeitsrechts und des eigenen Verhaltenskodex von Mattel gehören laut "Südwind" Hungerlöhne, exzessive Überstunden, das Fehlen von Arbeitsverträgen und ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen, unmenschliche Unterbringung in Massenschlafsälen sowie unrealistische Stückzahlvorgaben.
Weltweite Petition gestartet
Erst im vergangenen Jahr hatte eine Selbstmordserie beim weltweit größten Elektronik-Hersteller Foxconn, bei der sich mehr als zehn Mitarbeiter das Leben nahmen, für heftige Diskussionen um die Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken gesorgt (siehe Infobox). Um nun Druck auf den Spielzeugriesen Mattel aufzubauen, haben die Kampagne "Spielsachen fair machen!" und andere NGOs eine weltweite Petition eingerichtet. Diese kann unter www.spielsachen-fair-machen.at unterschrieben werden.
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