Sechs Monate danach

Jahrhundertereignis Arabischer Frühling begann mit Lüge

Ausland
17.06.2011 09:12
Am Freitag ist es sechs Monate her, dass sich Mohammed Bouazizi (li.) in der tunesischen Kleinstadt Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und anzündete und damit den sogenannten Arabischen Frühling auslöste. Der 26-Jährige ahnte an jenem 17. Dezember 2010 nicht, dass seine Verzweiflungstat den Anstoß zu diesem Jahrhundertereignis geben sollte - und dass sie geschickt instrumentalisiert werden würde. Denn wie sich später herausstellte, war vieles nicht so, wie es dargestellt wurde. Sogar die Selbstverbrennung selbst lief möglicherweise völlig anders ab als kolportiert.

Deshalb musste die Bouazizis drastischem Akt folgende Revolution zwangsläufig mit Lügen beginnen. Der 26-Jährige war nämlich keineswegs ein verzweifelter arbeitsloser Hochschulabsolvent, der aus Protest gegen die sozialen Missstände in seinem Land sein Leben opferte, wie verbreitet wurde. Vielmehr war der Jugendliche lediglich ein armer Straßenhändler, der schlicht und einfach gegen die Behörden protestieren wollte, die ihm nicht erlaubten, auf der Straße seinen Lebensunterhalt zu verdienen. 

An Politik hatte er zeitlebens überhaupt kein Interesse gezeigt, im Gegenteil: Wie Familienangehörige und Freunde später wiederholt berichteten, sei sie ihm völlig fremd gewesen. "Mein Bruder hatte zwar Matura, aber studiert hat er nicht", sagte damals Salem Bouazizi ausländischen Medien. "Wir sind alle völlig unpolitisch."

Auch wurde Bouazizi nicht - wie vielfach kolportiert - von einer städtischen Ordnungshüterin gedemütigt und geschlagen. Vielmehr hatte er versucht, ohne Genehmigung Obst und Gemüse zu verkaufen. Daraufhin wurden seine Waren von der Polizei beschlagnahmt, mit seiner Beschwerde hingegen wollten sich die Behörden schlichtweg nicht befassen.

Fataler Unfall statt Selbstverbrennung?
Bouazizis Schwester Leila wartete nach dem Tod ihres Bruders ausländischen Medien gegenüber gar mit einer völlig überraschenden Erklärung auf, warum sich der 26-Jährige mit Benzin übergossen hatte: "Er konnte die Schande nicht ertragen, auf der Straße von einer Frau geohrfeigt worden zu sein", sagte sie. Umbringen wollen habe sich ihr Bruder jedoch keinesfalls. Mohammed sei zur Tankstelle gegangen, habe den Sprit über sich ausgeschüttet und sei dann zeternd und fluchend herumgesprungen. Dabei habe er offenbar aus Versehen mit seinem Feuerzeug einen Funken geschlagen, der ihn in Brand steckte. Ob das der Wahrheit entspricht oder sich die Familie mit dieser Geschichte die - im Islam besonders schlimme - Schmach des Selbstmords ersparen wollte, bleibt unklar. Sicher ist, dass der Feuerlöscher, mit dem umstehende Freunde und Verwandte die Flammen löschen wollten, nicht funktionierte.

Wie auch immer: Mit der geschickten Instrumentalisierung dieses Vorfalls vor allem durch die Gewerkschaften wurde der 26-Jährige für viele seiner Landsleute zum Märtyrer. Bei den nachfolgenden Unruhen wurde Präsident Zine el-Abidine Ben Ali gestürzt, im Februar schließlich trat dann angesichts der Revolte in seinem Land auch Ägyptens Präsident Hosni Mubarak von allen Ämtern zurück und übergab die Macht an die Armee. Seither führen Libyens Machthaber Muammar al-Gadafi und Syriens Präsident Bashar al-Assad blutige Kriege gegen ihre Völker. Auch die langjährigen Diktatoren im Jemen und im Golf-Königreich Bahrain, Ali Abdallah Saleh und Hamad bin Issa al-Khalifa, lassen die Sicherheitskräfte auf ihre aufbegehrenden Untergebenen schießen - in der Hoffnung, nicht dasselbe Schicksal wie Ben Ali und Mubarak erleiden zu müssen.

"Wir haben uns das alles ausgedacht"
Jetzt, exakt ein halbes Jahr nach Bouazizis Tat und dem Beginn der Volkserhebungen in Nordafrika, im Nahen Osten und auf der arabischen Halbinsel (Chronologie in der Infobox), sprach ein tunesischer Gewerkschaftsangehöriger gegenüber der französischen Tageszeitung "Libération" erstmals Klartext. "In der Tat, wir haben uns das alles ausgedacht", so der Mann, der nicht namentlich genannt werden wollte. Einerseits sollte mit der Geschichte vom "diplomierten Opfer" das tunesische Bildungsbürgertum, andererseits mit der Geschichte von einer schlagenden Beamtin die konservative Landbevölkerung zu Protesten gegen das Regime motiviert werden.

Auch der tunesische Gewerkschafter Lamine al-Bouazizi, der durch Zufall einen ähnlichen Namen wie das Verbrennungsopfer trägt, erklärte der Zeitung: "Seit den ersten Ausschreitungen wussten wir, dass das Regime verwundbar ist. Wir haben versucht, jede Demonstration in einen Protest gegen das Regime umzuwandeln." Dementsprechend kam aus seiner Sicht die Revolution keineswegs wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel.

Für den gestürzten und nach Saudi-Arabien geflüchteten Ben Ali dürfte das heute alles egal sein. Dem 74-Jährigen wird zwar ab nächster Woche ein erster Prozess in Tunis gemacht, es ist aber nicht zu erwarten, dass er im Fall einer Verurteilung an sein Heimatland ausgeliefert wird. Zudem gilt der ehemalige Herrscher als schwer krank. "Seine Gesundheitszustand hat sich seit 2004 stark verschlechtert", schreibt Ben Alis ehemaliger Hausangestellter Lofti Ben Chrouda in einem jüngst erschienenen Buch. Sein ehemaliger Chef sei zum Ende hin senil gewesen, habe eine schwere Behandlung wegen Prostatakrebs über sich ergehen lassen und Kokain genommen. In dem ersten Prozess soll es unter anderem um im Präsidentenpalast entdeckte Drogen und Waffen gehen. Auch die illegale Aneignung von öffentlichem Vermögen wird Ben Ali vorgeworfen.

Ben-Ali-Besuch am Sterbebett Bouazizis
Im Fall Mohammed Bouazizi hatte Ben Ali zuletzt noch einmal alles versucht, eine Revolte in seinem Land abzuwenden. Kurz bevor der Straßenhändler am 4. Jänner seinen schweren Verletzungen erlag, hatte der Präsident den Mann noch im Krankenhaus besucht (Bild re.), um die bereits stark aufgeheizte Stimmung zu beruhigen. Der Familie soll er viel Geld angeboten haben. "Er war sehr überrascht, dass sich die Dinge nicht wie sonst regeln ließen", schreibt Lofti Ben Chrouda. Wenige Tage darauf floh der seit 1987 regierende Herrscher ins saudi-arabische Exil - und das tunesische Volk feierte den Sieg der Jasminrevolution.

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