Tribunal-Auftakt

Mladic: “Habe mein Volk und meinen Staat verteidigt”

Ausland
03.06.2011 13:04
Der einstige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, ist am Freitag zum ersten Mal vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien erschienen. Im grauen Anzug und mit einer Mütze auf dem Kopf trat der pensionierte General vor die Richter. Gleich zu Beginn lehnte er die Verlesung der Anklageschrift ab und bezeichnete sich selbst als "schwer kranken Mann". Weiters erklärte der Angeklagte: "Ich habe mein Volk und meinen Staat verteidigt und nicht Ratko Mladic. Jetzt verteidige ich Ratko Mladic."

"Ich bin General Ratko Mladic", sagte der Angeklagte auf Fragen des Richters nach seiner Person. Er trug nicht wie angekündigt eine Militäruniform, sondern einen Anzug und eine Mütze. Diese nahm er ab, nachdem er salutiert hatte. Dabei wurde er von Gefängniswächtern gestützt.

"Will nicht, dass Anklage verlesen wird"
"Ich will nicht, dass die Anklage verlesen wird, kein einziger Buchstabe, kein einziger Satz", erklärte Mladic später, der damit von einem seiner Rechte als Angeklagter Gebrauch machte. Die in elf Anklagepunkten auf 36 Seiten formulierte Schrift war dem einstigen Militärchef der bosnischen Serben bei seiner Ankunft in Den Haag zugestellt worden. In Belgrad hatte es Mladic zuvor abgelehnt, die Anklage entgegenzunehmen. Er habe die Schrift nun zwar erhalten, aber "ich habe sie noch nicht gelesen".

Mladic wird sich am 4. Juli zur Anklage äußern. Dies wurde beschlossen, nachdem der Senatsvorsitzende, Richter Alphons Orie, im Gerichtssaal eine kurze Zusammenfassung der Anklage vorlas. "Ich möchte diese abscheulichen Worte über mich bekommen, sie gut lesen und mich mit meinen Verteidigern beraten", erklärte Mladic. Auch würde er dafür mehr als einen Monat brauchen, um sich mit den "monströsen Worten" über ihn vertraut zu machen.

"Ich bin ein schwer kranker Mann"
Der Gesundheitszustand des Ex-Generals wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen. "Ich bin ein schwer kranker Mann", sagte Mladic mit belegter Stimme. Laut seinem Anwalt ist der Ex-General wegen eines Lymphdrüsenkrebs-Leidens verhandlungsunfähig. Milos Saljic hatte am Donnerstag in der Belgrader Zeitung "Press" eine entsprechende ärztliche Diagnose aus dem Jahr 2009 veröffentlicht. Die Behörden machen jedoch keinen Hehl daraus, dass sie den Befund für eine Fälschung halten (siehe Infobox).

Die Familie des Angeklagten und Saljic waren seit der Festnahme Mladic' in Serbien am 26. Mai nach Kräften bemüht, zu beweisen, dass seine Gesundheit äußerst angeschlagen sei und er nicht in der Lage wäre, den Prozess vor dem UNO-Tribunal zu verfolgen. Am Freitag gab es im jedoch kein einziges Anzeichen, dass Mladic Probleme hat, die Geschehnisse zu verfolgen. Seine zunächst zitternde Stimme wurde im Lauf der Verhandlung immer sicherer.

Die serbische Regierung will ein Ärzteteam nach Den Haag schicken, um den Gesundheitszustand der vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien angeklagten Häftlinge zu untersuchen. Dabei werde "mit Sicherheit" auch Mladic medizinisch untersucht, sagte Gesundheitsminister Zoran Stankovic am Freitag. Die geplante Entsendung von Ärzten gehe auf eine Bitte einiger der inhaftierten Angeklagten zurück. Es solle jeder Angeklagte untersucht werden, der dies wünsche, sagte Stankovic, der ein Freund Mladics ist.

"In der ganzen Welt weiß man, wer ich bin"
Mladic beklagte sich vor dem Senat über den Wachdienst, der ihn beim Gehen stützt. Dies würde ihn nerven. "Ich bin General Ratko Mladic, in der ganzen Welt weiß man, wer ich bin." Auch werde er selbst um Hilfe bitten, falls er sie brauche. Die Möglichkeit, sich zum Abschluss der ersten Verhandlung erneut an den Tribunalssenat zu wenden, nutzte Mladic dazu, um zu sagen, dass er "weder die Muslime noch Kroaten tötet, auch nicht jetzt in Libyen".

Verwirrung gab es erneut um Mladic' Geburtsjahr. Er sei im Jahr 1943 im Dorf Bozanovic in der Gemeinde Kalinovi im Südosten Bosnien-Herzegowinas geboren, sagte Mladic. Das UN-Kriegsverbrechertribunal gab als Geburtsjahr bisher 1942 an. Das Gericht will dies nun prüfen. Auf die Frage nach seiner Muttersprache antwortete Mladic: "Ich verstehe meine Muttersprache, Serbisch, ich verstehe Mazedonisch, da ich dort jahrelang gedient habe."

Schuld am Tod Tausender Menschen?
Mladic ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, die ihm den Beinamen "Schlächter vom Balkan" einbrachten. Zu den ihm vorgeworfenen Taten zählen das Massaker an 7.800 Muslimen in Srebrenica und die dreieinhalb Jahre dauernde Belagerung von Sarajevo, die ebenfalls Tausende Menschen das Leben kostete. Etwa 20 Familienangehörige der Srebrenica-Opfer verfolgten am Freitag in der Gedenkstätte Potocari die TV-Übertragung der Verhandlung in Den Haag.

Kroatien will Ausweitung der Anklage
Indes besteht die kroatische Regierung darauf, dass die Anklage gegen Mladic auf die mutmaßlich von ihm begangenen Kriegsverbrechen in Kroatien ausgeweitet wird. Ministerpräsidentin Jadranka Kosor will per Parlamentsbeschluss kommende Woche "die Staatsanwaltschaft als unabhängige Institution auffordern", noch einmal die gesamte Dokumentation an die Anklage nach Den Haag zu schicken, berichtete die Agentur Hina am Freitag. Mladic wurde in Kroatien in Abwesenheit bereits wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Chefankläger Serge Brammertz hatte vor wenigen Tagen gesagt, die nunmehrige Anklage nicht auf die Verbrechen in Kroatien ausweiten zu wollen.

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