Der neue Bundeskanzler und die neuen Minister sind noch gar nicht angelobt (das passiert heute) - und schon gibt es wieder Zwist in der türkis-grünen (oder jetzt eher schwarz-grünen) Koalition. Als Auslöser fungiert diesmal der (laut Eigendefinition) schwarze Landeshauptmann von Tirol. Günther Platter versicherte in der ORF-Pressestunde im Brustton der Überzeugung, der Lockdown werde in einer Woche enden. Und zwar für alle Bereiche, denn genau das hätten ja Landeshauptleute und Regierung bei der Landeshauptleutesitzung in Tirol vereinbart. Auch wenn sich die Infektionszahlen zuletzt wirklich erfreulich entwickelt haben, erntete Platters Hurra-Optimismus nicht nur Beifall. Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig bremst und plädiert für schrittweise Öffnungen. Ähnlich klingt das beim ÖVP-Koalitionspartner, den Grünen. Klubobfrau Sigrid Maurer relativierte die Aussagen des Tiroler Landeshauptmanns, indem sie darauf verwies, dass er nur einer von neun Landeshauptleute sei. Maurer: „Und es gibt die Regierung. Wir werden gemeinsam entscheiden. Ich bin für behutsame Öffnungen.“ Ja, das mit der Gemeinsamkeit… Da tut man sich in Österreich gerade schwerer denn je.
Herkulesaufgaben. Mit den fehlenden Gemeinsamkeiten, dem fehlenden Gemeinsinn setzt sich in der heutigen „Krone“ auch Claus Pándi in seinem Montags-Kommentar auseinander. Er empfiehlt, nicht die Ursachen des Unmuts zu ignorieren, wenn, wie am Samstag, „42.000 Menschen aus fast allen Verhältnissen und mit unterschiedlichen Ansichten auf die Straße gehen“. Pándi verweist darauf, dass bei den Demonstrationen „aggressive Gefühle der Ohnmacht gegen staatliche Autoritäten, die ihre Glaubwürdigkeit beschädigt haben“, zum Vorschein treten. Seine Erklärung: „Das liegt am gescheiterten türkisen Projekt, in dem Wahrheit und Wirklichkeit so oft verdreht wurden, dass viele nicht mehr wissen oder spüren, wo oben und unten ist.“ Diese Stimmung machten sich die üblichen Scharlatane „durch den Ruf der Horde zunutze“. Mit einer seriösen Regierungsarbeit könnte man dieser Entwicklung entgegenwirken. Pándis Resümee: „Der künftige Kanzler und das teilerneuerte Team sind da bestenfalls eine glanzlose Notlösung. So lebt die Hoffnung, das Misstrauen bleibt.“ Ja, auf den neuen Kanzler und die umgebildete Regierung warten Herkulesaufgaben. Sie zu stemmen - darf man das Nehammer und Co. zutrauen?
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