Die „Slacker-Königin“ Courtney Barnett hatte australische Buschfeuer, ein Beziehungsende und die Corona-Pandemie zu verarbeiten und klingt auf ihrem dritten Album „Things Take Time, Take Time“ trotzdem so lebensbejahend wie nie zuvor. Das ist kein Widerspruch, sondern Selbstschutz.
Es war ein sonniger, leicht windiger Spätsommertag Anfang September, als wir Courtney Barnett vor den Toren des Wiener Flex 2019 zum entspannten Gespräch baten. Von einer Corona-Pandemie war damals noch nichts zu spüren und Barnett befand sich gerade in den letzten Zügen einer nahezu endlosen Welttournee im Zuge ihres famosen Zweitwerks „Tell Me How You Really Feel“. Eine mehr als gelungene Fortsetzung des in Indie-Kreisen global gefeierten 2015er-Debüts „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit“, für das sie eine Grammy-Newcomer-Nominierung einheimste und die Aufmerksamkeit des Philadelphia-Slacker-Königs Kurt Vile erregte, mit dem sie zwischen ihren beiden Alben den gemeinsamen Geniestreich „Lotta Sea Lice“ veröffentlichen sollte. Ein Leben auf der Underground-Überholspur, das keine Rückschläge kannte, aber müde machte. Das war Courtney nicht nur im Gespräch, sondern doch auch auf der Bühne. Aber die Welt war prinzipiell noch in Ordnung.
Durchgerüttelte Welt
Oder doch nicht? Die Buschfeuer in Australien, die Trennung von ihrer langjährigen Lebensgefährtin und Musikerkollegin Jen Cloher und dann auch noch die verflixte Pandemie. Irgendwie geriet nicht nur die äußere, sondern auch die innere Welt Barnetts aus den Angeln. Nun erscheint mit „Things Take Time, Take Time“ das dritte Album und lässt sich nichts anhören von den persönlichen und globalen Rückschlägen, die an und für sich zu einer schwer depressiven Platte hätte führen können.
Ganz im Gegenteil. Die neun blauen Farbkleckse am Cover-Artwork, ein Mahnmal für ihre während der Pandemie entdeckte Liebe zur Malerei, sonnig-luftige Songs, viel Platz für Dur-Melodien. Nichts mehr zu hören von der verregneten Seattle-Wut oder dem Washington-Punk-Gestus. Dafür sommerlich-kalifornische Rhythmen, die ihr Slacker-Tum und zurückgelehnte Gitarrenmusik mit einem sportzigarettendurchsetzten Hippie-Feeling vermischen.
Erfolgreiche Taktik
Das ist insofern beeindruckend, als dass Barnetts Seelenwelt aufgrund zuvor geschilderter Umstände sich alles andere als im Gleichgewicht befand. Doch die Taktik, schwere Themen mit fröhlichen Melodien und einer gehörigen Portion Sarkasmus zum Selbstschutz zu durchziehen, geht in allen Belangen auf. „Auch wenn ich gerade keinen kreativen Schub habe, zwinge ich mich dazu, meine Ideen und Probleme niederzuschreiben und dadurch zu kommunizieren“, erzählte sie uns damals, „Songwriting ist keine Magie sondern Handwerk. Und die besten Dinge passieren meist aus dem Zufall heraus. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz.“
Die hohe Qualität der neuen Songs ist ganz sicher kein Zufall, auch wenn man sich abseits der guten Laune an einiges gewöhnen muss. Etwa an die Drum-Machine, die Warpaint-Musikerin und Barnett-Freundin Stella Mozgawa programmiert hat. Ebenjene zeichnet auch für die Keyboard- und Synthesizer-Spuren verantwortlich und war damit die einzige Person, die das zwischen Ende 2020 und Anfang 2021 aufgenommene Album zwischen Melbourne und Sydney begleitete.
Licht am Ende des Tunnels
„Das Positive und Hoffnungsfrohe in unterschiedlichen Lebenssituationen zu finden ist im Alltag eine konstante Herausforderung“, erzählt Barnett, „man muss wirklich aufpassen, dass man nicht zu sehr in Melancholie versinkt. Ich befinde mich beim Songwriting immer auf einem schmalen Grat, versuche aber stets das Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.“ Unwiderstehlich indierockt Barnett im Opener „Rae Street“, wo sie, wie auch in echt passiert, im Lockdown aus ihrer Melbourne Küchenwohnung blickt und sich einfach der Fadesse des Corona-Alltags hingibt.
„Take It Day By Day“ gibt sie uns als Mantra mit und empfiehlt, sich nicht zu sehr in den Strudel der Unklarheit zu begeben. „Before You Gotta Go“ appelliert an ein faires Beziehungsende und „Write A List Of Things To Look Forward To“ gibt wiederum Empfehlungen, wie man sich im neuen und veränderten Leben am besten zurechtfinden kann. Lebensratschläge ohne erhobenen Zeigefinger. Geboren im Moloch des persönlichen Beziehungsschmerzes, umgesetzt mit größtmöglicher Freude am kreativen Werken.
Vermeintliche Schwäche
„Musiker sind sehr emotionale und verletzliche Menschen. Wenn man sich zu schützen versucht, wird man oft härter enttäuscht als andere. Diese vermeintliche Schwäche ist aber ein Teil der Kunst, sie gehört zu unserer Zunft dazu.“ Am Ende besteht aber immer Hoffnung und Freude. Das hört man nirgends so klar heraus wie am positiven Gipfel des Albums, dem in der Mitte angesiedelten Song „Turning Green“, wo die 34-Jährige das Erwachen und die Farben des Frühlings besingt und man sich angesichts ihrer Rückschläge und teilweise entlarvenden Interviews der letzten Jahre unweigerlich fragt, ob denn jetzt wirklich alles okay sei. Doch bei Courtney Barnett scheinen die Dinge in der richtigen Schiene zu verlaufen.
Die Schienen des Lebens sind nun eben kurvig und kantig und nicht geradlinig stringent. Das weiß die Musikerin nach ihrem mehrjährigen Coming-Of-Age-Prozess und gerade deshalb nimmt man ihr die Fröhlichkeit im Schmerz authentisch ab. Oder wie Barnett es mit ihren eigenen Worten sagt: „Ich glaube stark daran, dass man die Dinge im Leben so nehmen muss, wie sie kommen. Dass man der Natur ihren Lauf lässt. Ein paar Ziele im Leben zu haben ist wahrscheinlich gesund, aber ich muss mich meist dazu zwingen, diese Ziele zu entwickeln.“
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