Frauen und Alkohol

„Nach zweitem Bier war die Welt wieder in Ordnung“

Lieb gewonnenes Abendritual oder suchtbedingter Zwang? In einer Gesellschaft, in der eher die auffallen, die keinen Alkohol trinken, bleibt eine ungesunde Regelmäßigkeit lange unbemerkt. Eine Linzerin erzählt.

Mit 12 hat Simone K. erste Erfahrungen mit Alkohol gemacht. „Auf der Geburtstagsfeier meiner Tante, da hieß es: ,Bei uns am Land ist das nicht so.‘ Ich hab’ mich so anders gefühlt – und war völlig fasziniert.“ Als Teenager probierte Simone „alles Mögliche“, aber beim Herumexperimentieren mit Freunden blieb es nicht. Dass das Trinken zum Problem wurde, schien niemand zu bemerken. „Ich weiß nicht, ob ich es wirklich so geschickt angestellt habe, oder ob meine Familie es nicht wahrhaben wollte. Später hab’ ich dann einfach den Kontakt reduziert.“

Reißleine mit 26 Jahren
Zwei Jahre lang hat Simone täglich getrunken. Manchmal vier Bier, manchmal sechs. Am Wochenende mehr. „Nachmittags ist meine Stimmung gekippt. Ich konnte mich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Zuhause habe ich mir gleich das erste Bier aufgemacht. Nach dem zweiten war die Welt wieder in Ordnung.“ Mit 26 Jahren hat sie selbst die Reißleine gezogen. „Ich wusste: Wenn ich mit meinem Leben noch irgendwas anfangen will, muss ich das professionell angehen. Vor dem Entzug habe ich noch alle eingeweiht und es mir so bewusst schwer gemacht, rückfällig zu werden.“

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Nachmittags ist meine Stimmung gekippt. Ich konnte mich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Zuhause habe ich mir gleich das erste Bier aufgemacht. Nach dem zweiten war die Welt wieder in Ordnung.

Simone K. aus Linz

Heute weiß die 31-Jährige, dass sie unter Depressionen leidet, die sie mit Alkohol zu therapieren versucht hat. „Da Alkoholsucht bei Frauen meist ein Symptom für eine psychische Erkrankung ist, ist es wichtig, auch diese zu behandeln“, sagt die Linzerin, die ihre Erfahrungen nun als Leiterin einer Selbsthilfegruppe teilt. „Kritische Momente wird es immer geben. Mir hat es geholfen, etwas zu finden, für das es sich lohnt, stark zu bleiben: Mein Wunsch nach beruflichem Erfolg.“

Frauen trinken alleine
Frauensucht findet im Verborgenen statt und wird deshalb als „stille Sucht“ bezeichnet, weiß Thomas Schwarzenbrunner, Suchtkoordinator des Landes. „Es wird mit viel Einfallsreichtum versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten. Weibliche Sucht gilt als Tabu und ist mit Scham und Angst vor Veränderungen besetzt. Oft dauert es Jahre, bis sich Betroffene in Therapie begeben.“ Wer glaubt, den eigenen Alkoholkonsum beobachten zu müssen, findet unten Tipps. Lisa Prearo

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Sonntag, 05. Dezember 2021
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