18.11.2021 06:00 |

Verschärfungen drohen

So können wir den Voll-Lockdown noch verhindern

Tote, die in Gängen aufgebahrt werden müssen, Spitäler am Limit: Zwei Wochen 2G zeigen, dass die Einschränkungen zu wenig sind, um Lockdown und Kollaps der Spitäler zu verhindern. Was kann es dann?

Vor zehn Tagen trat 2G in Kraft - aus 20 Monaten Pandemieerfahrung weiß man: Zeit, Bilanz zu ziehen, ob die Maßnahmen wirken. Und leider: Sie tun es nicht, so das Covid-Prognosekonsortium. Es wurde zwar „eine Reduktion der Wachstumsrate der täglichen Neuinfektionen beobachtet (…) Das Bremspotenzial ist aber unzureichend, um kurzfristig eine nachhaltige Senkung der Inzidenzen herbeizuführen“. Zurückzuführen sei die leicht positive Entwicklung auf die Drittstiche sowie auf Einschränkungen durch 2G.

In Oberösterreich liegt die Wahrscheinlichkeit dennoch bei 97,5 Prozent, dass die Intensivbetten innerhalb der nächsten zwei Wochen nicht mehr reichen. Steigen die Neuinfektionen weiter, trifft das die Krankenhäuser in zwei Wochen. Und sie steigen: Am kommenden Dienstag wird die Inzidenz über 1000 liegen. In Salzburg im schlimmsten Fall bei knapp 2800 - dreimal so hoch wie die aktuelle österreichweite Inzidenz.

Mit diesen Zahlen im Rücken gaben sich die Experten am Mittwoch im Gesundheitsministerium die Klinke in die Hand, den Abschluss bildeten die Vertreter der Intensivmediziner. Sie forderten nicht zum ersten Mal einen Voll-Lockdown für ganz Österreich.

Masken, Impfung, 2G plus und Therapien
Bevor der kommt, gäbe es gelindere Mittel (siehe unten). Mittelfristig ist es die Impfung. Sofort umgesetzt werden müssten eine FFP2-Pflicht überall, wo Menschen sich begegnen sowie die Kombination aus Impfung/Genesung und Test (2G plus) dort, wo jetzt 2G gilt. Schritte die wirken, leicht umzusetzen sind und kaum einschränken.

Allein: Nach wie vor blockiert der Kanzler, zögert der Gesundheitsminister. Letzterer twitterte nach den Expertengesprächen: „Ich werde die Einschätzungen der Experten in die internen Besprechungen mit der Bundesregierung sowie den Landeshauptleuten einbringen.“ Also frühestens Freitag.

Dabei sollte er handeln: „Am Wochenende gab‘s so viele Tote, dass die Prosektur überlastet war, wir mussten die Leichen am Gang abstellen“, schildert eine Krankenschwester aus Linz. Man müsse sie aufgrund der Ansteckungsgefahr nackt in einem luftdichten Sack verpacken und in den Sarg legen. Das kann kein Politiker verantworten wollen. Virologe Andreas Bergthaler: „Wir haben keine Zeit für Geplänkel, wir müssen jetzt handeln.“

Argumente pro Lockdown
„Letzten Ausweg“
nennt Oswald Wagner, Vizerektor der MedUni Wien, den Voll-Lockdown. „Wir wissen, dass das die härteste Maßnahme ist. Sie ist aber - wenn es ein guter Lockdown ist - eine gute Maßnahme“, sagt Katharina Reich, oberste Gesundheitsbeamtin.

Um die Spitäler zu entlasten, muss die Zahl der Kontakte um 30 Prozent reduziert werden - jener Wert, der in bisherigen Voll-Lockdowns erzielt wurde. „Es geht sich sonst nicht mehr aus“, sagte Rainer Thell, leitender Oberarzt der Notfallaufnahme in der Wiener Klinik Donaustadt. Die Forderung der Intensivmediziner: „Es kann nicht sein, dass in Salzburg Menschen sterben, keine mutigen Entscheidungen getroffen werden, die auf der Hand liegen“. Mikrobiologe Michael Wagner sagt, ohne „kurzen harten Lockdown, um die Zahlen massiv nach unten zu bringen“, werde es nicht gehen.

„Aus touristischer Sicht wäre ein harter Lockdown wahrscheinlich das, was jetzt absolut notwendig wäre“, erklärt Wifo-Experte Oliver Fritz.

„Sollten die strengeren Schutzmaßnahmen nicht greifen, sind weitere Maßnahmen nicht auszuschließen“, erklärt OÖ-LH Thomas Stelzer. Und Wiens Michael Ludwig: „Man kann in der jetzigen Situation gar nichts ausschließen.“

Argumente contra Lockdown:
Rein als Impfanreiz
hätte ein Lockdown kaum Sinn. Zwei Drittel der impfbaren Bevölkerung sind geimpft, das verbleibende Drittel teilt sich auf drei Gruppen auf: jene, die gar nicht dafür bereit sind, jene, die noch zögern, und jene, die zwar impfbereit, aber „noch nicht dazugekommen sind, sich eine Impfung abzuholen“, berichtet Wirtschaftssoziologe Bernhard Kittel vom Austrian Corona Panel Projects (ACPP). Zum Piks bewegen könnte ein Lockdown am ehesten jene, die für eine Impfung noch „zu beschäftigt“ waren - das ist allerdings nur ein Prozent. Kein großes Hilfsmittel angesichts der aktuell nur rund 66 Prozent Geimpften. Zuletzt wurde eine Durchimpfungsrate von 90 Prozent als „Ausweg“ gesehen. Impfgegner lehnten auch häufig Lockdowns ab: Daher sei zu erwarten, dass diese ganz besonders protestieren würden, sagt auch Bildungspsychologin Christiane Spiel.

Ein weiterer Kritikpunkt: Ein Lockdown ist die teuerste Maßnahme im Kampf gegen die Pandemie. Ein Tag Ausgangssperren für Ungeimpfte kostet der Volkswirtschaft laut Momentum Institut 41 Millionen Euro. Beim Voll-Lockdown wären es 117 Millionen Euro - bei zwei Wochen insgesamt über 1,6 Milliarden Euro.

Mögliche Maßnahmen
Kaum Gegenstimmen gibt es zu folgenden Maßnahmen, die von Experten gefordert, aber noch immer nicht umgesetzt werden:

  • PCR-Tests: flächendeckend und regelmäßig
  • Homeoffice
  • Maskenpflicht ausweiten
  • 2G plus: Überall, wo jetzt 2G (Gastro, Friseure usw.) gilt.
  • Therapien und Medikamente: Infrastruktur schaffen für die Behandlung mit Antikörpern und Medikamente in Tablettenform vor der Zulassung sichern
  • Impfung: Eine knappe Million Österreicher müsste man noch impfen, um das oft zitierte Ziel von 80 Prozent Impfquote zu erreichen. In der vergangenen Woche wurden 127.938 Erststiche verabreicht. Bei dieser Zahl dauert es knappe acht Wochen (Jänner). In der letzten Woche vor 2G und ohne Feiertag waren es 100.000 Impfbereite weniger - auf diesem Level würde es 36 Wochen dauern, bis Ende Juli 2022.
Teresa Spari
Teresa Spari
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