„Flying Dream 1“

Elbow: Mit weniger Wucht, aber mehr Gefühl

Musik
22.11.2021 06:00
Porträt von Wien Krone
Von Wien Krone

Eigentlich gilt Guy Garvey als besonders freundlicher, umgänglicher Mensch - und umso wütender klang er auf dem vor zwei Jahren erschienenen Album seiner Band Elbow. Mit „Giants Of All Sizes“, dem achten Studiowerk der Stadionrocker aus Manchester, arbeitete sich der empathische Sänger und Songwriter am Brexit ab. Sein Herz sei „verwundet“, sagte der glühende Pro-Europäer damals. Nun ist in Garveys Musik ein erneuter Stimmungswechsel unüberhörbar.

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Dem Zorn über die Politik folgt eine von privater Dankbarkeit durchströmte Ruhe, die sich in den himmlischsten Melodien äußert. Die wuchtige Cinemascope-Produktion früherer Alben, die auf der Insel regelmäßig an die Charts-Spitze gelangten, wurde auf „Flying Dream 1“ durch ein luftiges, fast jazziges Klangbild mit viel Klavier, Kontrabass, Bläsern und Streichern ersetzt.

Genuss mit Kopfhörer
Typische Elbow-Hymnen kommen diesmal so reduziert daher, dass man sich am besten einen Kopfhörer aufsetzt, um alle Feinheiten dieses ungewohnten, überraschenden Sounds zu genießen. Und Garvey singt - etwa im Titelstück oder in „Six Words“, in „Come On, Blue“ oder dem fabelhaften „What Am I Without You“, einer Ode an seine Familie - so anrührend zart wie nie zuvor. Die ehrenvollen, aber auch etwas lästigen Peter-Gabriel-Vergleiche hat er längst hinter sich gelassen.

„The Seldom Seen Kid“, die erste Single-Veröffentlichung in diesem Jahr, trug den Namen des Albums, das Elbow 2008 einen begehrten Mercury Prize, Dreifach-Platin und den ganz großen Durchbruch einbrachte. Kein Zufall - der Titel bezog sich beide Male auf einen 2006 gestorbenen engen Freund der Band, den Musiker Bryan Glancy. Ein schönerer Nachruf als dieses ätherische Songjuwel, dessen Video in einem alten Theater in Brighton gedreht wurde, ist kaum denkbar.

Kundige Idole
Er liebe schon lange stille, komplexe Platten, betonte Garvey (47) zur Einstufung von „Flying Dream 1“ in der 30-jährigen Bandhistorie. Und er legte die Messlatte sehr hoch, indem er die legendären letzten Werke von Talk Talk, die schottischen Melancholiker The Blue Nile, Kate Bush oder Van Morrisons „Astral Weeks“ als Vorbilder nannte. Wie auch immer: Sein Versuch, sich „auf die sanfte Seite des Elbow-Sounds zu fokussieren“, hat nun das brillanteste Album dieser verdienten Britrock-Truppe hervorgezaubert. In der Ruhe liegt viel Kraft.

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