01.11.2021 12:46 |

Hoffnung nach Trauer

„Es braucht viel Zeit, bis man dafür bereit ist“

Der Verlust eines geliebten Menschen reißt uns den Boden unter den Füßen weg. Wie weiterleben? Wie trauern? Fragen, die sich Michael Böhm aus Sistrans in Tirol nach dem Tod seiner Frau stellen musste. Ein paar Antworten hat er schon gefunden. Ein Gespräch über eine lange Reise.

„Krone“: Herr Böhm, der Tod Ihrer Frau liegt mittlerweile 16 Monate zurück. Wie geht es Ihnen heute?
Michael Böhm: Ich bin noch lange nicht so weit, dass im Rückblick die Dankbarkeit für die schönen Dinge in unserem gemeinsamen Leben überwiegt. Noch sind vor allem Trauer und Schmerz präsent. Es gibt viele Momente, in denen ich denke: Es kann und darf nicht wahr sein. Um den ersten Jahrestag im Juli habe ich aber doch eine Erleichterung nach schweren Monaten wahrgenommen. Meine Frau und ich waren 45 Jahre zusammen. Die Zeit vor ihrem Tod war sehr intensiv, geprägt von ihrer Krankheit. Und plötzlich war da eine große Leere. Dieses Gefühl kann nur nachempfinden, wer es selbst erlebt hat.

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Die Endgültigkeit des Todes ist so unfassbar – man weiß schlicht nicht, wie man damit leben soll.

Michael Böhm

Dieses Gefühl der Leere lässt Trauernde oft gar nicht mehr los. Hatten Sie Angst, dass es auch Ihnen so gehen könnte?
Auch ich habe an einem Punkt nicht mehr gewusst, wie ich aus dieser Spirale herauskomme. Ich war oft unendlich verzweifelt. Die Endgültigkeit des Todes ist so unfassbar – man weiß schlicht nicht, wie man damit leben soll. Ich landete in einer Sackgasse.

Was hat Ihnen geholfen, einen Ausweg zu finden?
Familie und Freunde sind wichtig. Ganz wertvoll für mich war auch die Natur. Ich bin viel in den Wald gegangen, auf Berge. Die Natur gibt dir Freiraum, deine innere Ruhe zu finden. Doch das allein war es nicht: Ich habe Unterstützung gesucht – und gefunden. Ich hatte ein ausführliches Gespräch mit einer Trauerbegleiterin der Tiroler Hospizgemeinschaft, wo meine Frau in den letzten Monaten aufgehoben war. Die Trauerbegleiterin hat mich auf Trauergruppen hingewiesen. Dort kommen unmittelbar Betroffene zusammen. Jeder weiß, was der andere durchmacht – weil er es selbst auch durchmacht. Jeder weiß, was gemeint ist, wenn du deine Gefühle in Worte zu fassen versuchst. Die Pandemie hat einige Treffen zwar vereitelt, aber wenn wir uns trafen, war da eine besondere Nähe durch das gemeinsame Schicksal. Wie wertvoll das ist, habe ich gemerkt, als ich eine Zeit lang in Quarantäne musste und 14 Tage isoliert daheim gesessen bin. Die Gedanken sind im Kreis gegangen – ohne Ausweg. Ich hatte keine Ablenkung. Wenn man draußen unterwegs ist, sieht man etwas anderes, trifft Menschen und spürt Leben. Das ist wichtig – man kann nicht immer nur nachdenken.

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Das hat mir wieder eindrucksvoll vor Augen geführt, wie stark meine Frau war.

Michael Böhm

Sie haben auch sonst einen mutigen Schritt gewagt, mehrwöchige Reisen, alleine mit dem Wohnmobil.
Meine Frau und ich waren viel unterwegs. Ich wusste nicht, ob ich es auch alleine aushalten kann. Für mich war es eine Spurensuche. Über Wochen habe ich Orte besucht, die wir gemeinsam erlebt haben. Habe Dinge getan, die wir gemeinsam getan haben. Habe Situationen auferstehen lassen und geschaut, wie ich damit umgehe. Zum Beispiel eine Radtour auf der Großglockner Hochalpenstraße. Das hat mir wieder eindrucksvoll vor Augen geführt, wie stark meine Frau war.

Diese Reisen waren nicht einfach. Da war die Trauer, da war aber auch das Staunen und die Dankbarkeit über die vielen gemeinsamen Erlebnisse. Und letztlich der Stolz, dass ich es alleine geschafft habe und auch Freude dabei empfinden konnte. Es braucht aber Zeit, bis man dafür bereit ist.

Wie schauen Sie in die Zukunft? Erlauben Sie sich, wieder Perspektiven zu haben?
Ja, ich schaue positiv in die Zukunft. Ich lasse es auf mich zukommen. Für mich ist es wichtig, mich nicht aus der Welt zurückzuziehen. Ich will nichts ausschließen. Ich bin wieder bereit, für das, was kommt.

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Reden hilft – viel reden ist wichtig. Alles andere macht einen nur krank.

Michael Böhm

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der gerade seinen Lebensmenschen verloren hat? Kann man einem Menschen in dieser Situation überhaupt etwas raten?
Jeder Mensch ist anders. Doch ich bin überzeugt, dass man gerade in so einer Situation Hilfe suchen und annehmen sollte. Nicht alles mit sich alleine ausmachen, nicht alles in sich hineinfressen. Das funktioniert nicht. Man landet in einer Sackgasse. Ich war dort. Dort zieht einen die Trauer immer weiter hinunter. Reden hilft – viel reden ist wichtig. Alles andere macht einen nur krank.

Der Bund hat vor wenigen Tagen ein neues Gesetz zur Sterbehilfe auf den Weg gebracht. Assistierter Suizid ist demnach in bestimmten Fällen ab 2022 erlaubt. Wie beurteilen Sie das vor dem Hintergrund, dass Ihre Frau möglicherweise auch von dieser Möglichkeit Gebrauch machen hätte wollen?
Ich empfinde es als richtig, diese Möglichkeit zu schaffen. Auch meine Frau hat so gedacht. Das Bekenntnis zum Ausbau von Hospiz- und Palliativangeboten ist aber nicht minder wichtig. Für uns waren diese Hilfen von unschätzbarem Wert. Wir haben wertvolle Zeit gewonnen. Keine Stunde möchte ich missen.

Von
Claudia Thurner
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