31.10.2021 15:55 |

Die Letzten

„Haben verlernt, bei der Sache zu sein“

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Zuletzt hat er Familie Keckeis-Grabher besucht - und zwar am Feld. Dort widmet sich die Familie begeistert dem Schälen der Türggen.

Damit das gleich vom Tisch ist, um den derzeit so beliebten Korrektheitsdebatten vorzubeugen: Das Wort Türggen ist eine Verballhornung der italienischen Bezeichnung grano turco, was so viel bedeutet wie türkisches Korn. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war man nämlich im Rheintal - hüben wie drüben - der Meinung, die Maisfrucht sei bei der ersten Türkenbelagerung Wiens von den Osmanen mitgebracht worden, weshalb diese Bezeichnung entstanden ist und sich bis heute tradiert hat.

Ich bin zu Besuch bei der Familie Keckeis-Grabher in Koblach, die gerade dabei ist, auf ihrem Acker die ausgereiften Maiskolben zu ernten, woraus das entsteht, womit sich jeder köhrige Vorarlberger noch immer identifiziert - Ribel.

„Ich bin ein Biokind der ersten Stunde“, erzählt Barbara Keckeis, die zusammen mit ihrem Mann Stefan den landwirtschaftlichen Betrieb des Vaters übernommen hat. „Das wirklich Schöne und auch irgendwie Heilsame beim Türggenschälen ist der Zusammenhalt. Da kommen einmal im Jahr viele unterschiedliche Menschen zusammen und helfen freiwillig mit, weil sie auch wissen, dass es ein Kulturgut ist. Rentieren tut sich so eine manuelle Ernte ja kaum mehr, aber das Zusammensein ist es uns allen einfach wert.“

Es ist ein Familiengespräch im Garten neben dem Biolädele „Wegwarte“ in Koblach. Da sind Mama Gertrud und Papa Peter Grabher, ihre Tochter Barbara und Stefan Keckeis, der Schwiegersohn, der im Hauptberuf Programmierer ist, den Familienbetrieb jedoch organisatorisch und in der Mitarbeiterführung unterstützt. Papa Peter mit seinem weißen Vollbart strahlt Autorität aus, obwohl er mehr zuhört als spricht. Er ist der eigentliche Motor, der gemeinsam mit Gertrud das Projekt „Wegwarte“ initiiert und aufgebaut hat.

Früher als Spinner und Träumer abgetan
Schon vor 45 Jahren war er in einer Umweltschutzgruppe tätig. Ein wirklicher Pionier und seiner Zeit weit voraus. Bereits damals versuchte er, die Landwirte von der Notwendigkeit des biologischen Anbaus zu überzeugen, weg vom Kunstdünger, von Pestiziden und Fungiziden. Er wurde als Spinner und Träumer abgetan. „Damals war alles so negativ und aufgeheizt. Das hat mir seelisch einfach nicht gutgetan. So entstand bei Gertrud und mir der Gedanke: Wir machen es selbst. Auf 600 Quadratmetern haben wir angefangen. Unser Motto lautete immer: Ein gesunder Boden trägt keine kranken Pflanzen. Das stimmte damals, und es stimmt heute mehr als je zuvor.“

Gertrud und Peter erzählen mir, wie früher Türggen geerntet wurde und wie sie es heute noch tun. Im Oktober, wenn die Maiskolben reif sind, macht Peter zuerst die „Nagelprobe“. „Die Körner müssen hart sein. Das ist im Oktober. Ernten muss man den Mais an einem trockenen Tag. Der Türggen darf nicht feucht werden, weil er sonst Pilzbefall bekommt. Da schnell geerntet werden muss, halfen früher auch alle Bauern zusammen. Das hatte gleichzeitig auch einen kommunikativen Aspekt. Man redete miteinander und sang Lieder.“ „Die inneren Blätter des Maiskolbens wurden ’glschoazt’, also zerfasert“, wirft Gertrud ein. „Mit diesen feinen Fasern füllten die Bauern früher ihre Matratzen. Als Kind habe ich noch auf einer solchen Matratze geschlafen.“

Waren die Kolben bis auf zwei oder vier Blätter geschält und zusammengebunden, wurden sie im Estrich aufgehängt und mehrere Monate getrocknet. Dann hat man die Körner mit Hilfe eines Schabeisens oder eines sogenannten Maisreblers von den Kolben abgeraspelt. „Bei uns in Koblach fuhr ganz früher noch ein Müller von Hof zu Hof und brachte die Körner in seine Mühle“, sagt Peter. „Tja, und aus diesem Mehl entstand dann der Ribel.“

Das Handy und das fehlende Sitzfleisch
Die Familie Grabher-Keckeis macht auf mich einen sehr zufriedenen Eindruck, so, wie sie alle um den Tisch herumsitzen. Nur Stefan hat kein Sitzfleisch, weil immer wieder sein Handy klingelt. Es ist viel los, und er entschuldigt sich jedes Mal sehr höflich, wenn er ans Handy geht. Dann ist er plötzlich weg. Termine. Ob es etwas gebe, frage ich Barbara, die Juniorchefin, was sie an ihrer Selbstständigkeit nervt? „Was mich am meisten zermürbt, ist, dass wir immer schauen müssen, dass sich der ganze Aufwand auch wirtschaftlich rentiert. Das nervt manchmal sehr. Dennoch ist die Arbeit auf dem Feld einfach wohltuend und mit nichts zu vergleichen.“

Und Mama Gertrud fügt noch einen Gedanken hinzu, der ihr sehr wichtig ist. „Ich habe so oft das Gefühl, dass unsere Gesellschaft verlernt hat, bei der Sache zu sein. Darum geht es so vielen Menschen nicht gut.“Bei der Sache sind sie wirklich, die Grabhers und Keckeis’. Es sind Menschen, die ganz genau wissen, was sie tun. Sie gehen einen steinigen Weg. Aber die Kundschaft in ihrem Lädele gibt ihnen Recht. Es sind durchwegs sehr bewusst denkende Menschen, die hier einkaufen. Und es gibt sogar noch zwei Kunden, die seit Anbeginn der „Wegwarte“ die Treue gehalten haben. Das erfüllt Getrud und Peter mit stillem Stolz.

Eine beeindruckende Familie, denke ich, als ich mich verabschiede. Menschen, die Verantwortung übernehmen. Das geschieht immer seltener. Peter Grabher wurde früher als Spinner bezeichnet, weil er schon damals auf Bioqualität setzte. Heute muss wohl so mancher sein Urteil aus jener Zeit revidieren. Das gemeinsame Arbeiten auf dem Feld schweißt zusammen - nicht nur die Familie, sondern auch alle anderen Helfer und Helferinnen.

Robert Schneider
Robert Schneider
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