Tagtäglich sind wir nicht nur von verschiedensten Dingen, sondern auch unterschiedlichsten Klängen umgeben. Dass sich daraus Musik machen lässt, zeigt der Tiroler Manu Delago mit seinem neuen Album „Environ Me“. Wasser und Luft kommen hier ebenso zum Zug wie elektrisches Flirren oder das Reißen eines Klettverschlusses. „Ich wollte einfach das Environment, also meine Umgebung hinzunehmen zum Sound“, so Delago. Wobei er es keineswegs nur bei der klanglichen Ebene belässt.
Der Hangspieler, der dieses Frühjahr für seine „ReCycling“-Tournee rund 1.600 Kilometer durch Österreich auf dem Rad zurücklegte, hat für sein neues Soloalbum lange nach einem Konzept gesucht. Im Vorjahr entstand dann während der Coronalockdowns der Gedanke, sein Umfeld nach spannenden Tönen zu untersuchen. „Ich und meine Umgebung, das war meine Idee. Also habe ich auf einem Zettel eine Mindmap gemacht und alles eingezeichnet, was mich umgibt.“
Maschinen sind notwendig
Von diesen Elementen aus habe er dann die Tracks gebaut, erklärte Delago im APA-Gespräch. Wobei ihm wichtig war, nicht nur die Natur heranzuziehen, wie er es etwa beim musikalischen und filmischen Bergsteigerprojekt „Parasol Peak“ (2018) gemacht hat. „Damals haben wir ja versucht, die Natur möglichst verlassen und idyllisch zu zeigen. Aber wenn man im Alltag unterwegs ist und etwa wandern geht, ist es oft ganz anders.“ Ihm sei schnell klar gewesen, dass er auch „Maschinen und das Urbane um uns herum“ braucht. „Allerdings ist es mir tendenziell schwerer gefallen, das auch ästhetisch umzusetzen.“
Ganz wichtig war diesmal die visuelle Komponente, zu jedem der zwölf Songs hat Delago ein Video gedreht. „Ton und Bild sollten möglichst verschmelzen“, erklärte er. „Ich wollte beide Aspekte so interessant wie möglich gestalten. Dabei ist alles in einem passiert: Alle Tonspuren der Videos sind auch auf dem Album. Bei ‘Liquid Hands‘ etwa haben wir am See Mikrofone aufgestellt, auch unter Wasser, und das hört man nun im Song.“ Für „Acoustic Aviation“ ließ er sich sogar extra zwei Orgelpfeifen anfertigen, mit denen er einen Tandem-Paragleitflug absolviert hat. „Beim Fliegen habe ich die Pfeifen so gesteuert, dass sie im genau richtigen Winkel zum Luftwiderstand waren.“
Visuelle Flugkurve
Aber es ging nicht nur hoch hinaus, manchmal reichte auch ein Spaziergang im Park als Inspiration, wo Delago zwei Personen dabei beobachtete, die sich einen Klettball zuwarfen. Daraus ist dann „Curveball“ mit dem typischen Ritsch-Sound eines Klettverschlusses entstanden. „Das war visuell interessant, weil man eine Choreografie daraus machen kann, und zudem hat es einen coolen Sound, dieses Fangen und Reißen.“ Von der Idee bis zur Umsetzung habe es dann aber fast ein halbes Jahr gedauert. „Du musst die Abstände auschecken, schauen, welche Rhythmen sich bauen lassen, und berechnen, wie lange die Flugkurve dauert.“
All diese Sounds sind nun in die für Delago typische Klangwelt eingebettet, in der neben allerlei Percussion und dem Hang diesmal auch Electronics wieder verstärkt zum Einsatz kommen. „Ich habe das früher ja schon auf drei Alben gemacht, bin dann aber etwas davon weggekommen“, überlegte der Musiker. „Diesmal war einfach das Bedürfnis groß, ein Soloalbum zu machen. Ich höre auch sehr gern elektronische Musik, da wollte ich wieder in diese Soundwelt eintauchen.“
Aufmerksamkeit schenken
Sein Anliegen für die Natur und den Klimaschutz, das er mit der Radtour stark in den Vordergrund gerückt hat, ist erneut präsent - wenngleich nicht ganz so dominant. „Ich würde es eher als Bewusstsein bezeichnen. Man sollte der eigenen Umgebung eine gewisse Aufmerksamkeit schenken, den Sound der Umgebung wahrnehmen und auch das Optische sehen - nicht in einer beschönigten Fassung, sondern so wie es ist.“ Dazu passt etwa der Song „Trees For The Woods“, den er gemeinsam mit 20 Kontrabassistinnen und -bassisten in einem abgeholzten Wald aufgenommen und danach in der Region auch 25 Bergulmen gepflanzt hat.
Als dezidiert politischen Künstler sieht sich Delago deshalb allerdings nicht. „Ich habe einfach eine Verantwortung, in diesem Bereich etwas zu machen, weil er mir auch privat schon lange wichtig ist“, sagte er zum Umweltschutzgedanken. „Deshalb äußere ich mich auch gerne dazu und kann hoffentlich die Menschen inspirieren. Gerade die ‘ReCycling‘-Tour war cool, weil wir auch Taten sprechen lassen konnten. Nur darüber reden ist nicht genug, das wollten wir zeigen.“
Gegen die Langeweile
Seine am 5. Oktober in Innsbruck startende Tour zu „Environ Me“ ist nun zwar weniger sportlich, was den Transport betrifft, aber doch sehr herausfordernd, ist Manu Delago doch alleine auf der Bühne und wird von mehreren Screens umrahmt. „Es ist die aufwendigste Produktion für mich bisher. Ich bin ja selber sehr kritisch als Konzertbesucher, Soloauftritte langweilen mich fast immer. Deswegen habe ich sehr viel Energie, Zeit und Ideen reingesteckt und hoffe, dass es nicht langweilig wird“, schmunzelte der Musiker. „Ich versuche mit den Visuals wirklich, unsere Umgebung in die Konzerthalle zu bekommen.“‘
APA/Christoph Griessner
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