"Islamische Güte"

Iran lässt deutsche Reporter nach 133 Tagen frei

Ausland
19.02.2011 16:11
Im Iran lassen sich nur wenige ausländische Journalisten auf Abenteuer ein, denn sie sind sich der Konsequenzen bewusst. Ein Arbeitsverbot wäre das mindeste. Dann käme die Ausweisung und im schlimmsten Fall eine Gefängnisstrafe. Für die beiden Reporter der "Bild am Sonntag" war dieser schlimmste Fall eingetreten: Haft in einem Gefängnis in der Provinzhauptstadt Täbris im Nordwesten des Iran. Ein Albtraum, der 133 Tage dauerte. Jetzt sind die Männer wieder frei.

Der Reporter Marcus Hellwig (45, li. im Bild) und der Fotograf Jens Koch (29, 2. v. rechts) waren am 10. Oktober 2010 in Täbris beim Versuch verhaftet worden, den Sohn und den Anwalt von Sakineh Mohammadi-Ashtiani zu interviewen, die wegen Ehebruchs zum Tode verurteilt worden war. Den Deutschen wurde nicht nur ein Verstoß gegen Visabestimmungen vorgeworfen - im Iran dürfen ausländische Journalisten mit einem Touristenvisum nicht arbeiten - sondern sie waren hinter einer Story her, die für die ausländischen Medien als Tabuthema gilt.

"Islamische Güte" und 35.700 Euro Strafe
"Das hätte auch ganz schlimm ins Auge gehen können", sagte ein Anwalt in Teheran. Denn den beiden wurde von der Justiz auch vorgeworfen, Verbindung zu iranischen Dissidenten in Deutschland zu haben, "um das internationale Image des Iran zu schädigen". Einem der beiden Reporter wurde sogar unterstellt, geheime Dokumente ergattern zu wollen. Dieser Verstoß wäre als Spionage gewertet worden, was eine Gefängnisstrafe bis zu 20 Monaten zur Folge gehabt hätte. Aber da das Vorhaben nicht umgesetzt wurde, hat der Iran nach Angaben der Justiz "islamische Güte" gezeigt und die beiden gegen ein Bußgeld von je 35.700 Euro freigesprochen.

Laut informierten Quellen hatte der neue iranische Außenminister Ali-Akbar Salehi bei der "islamischen Güte" seine Finger im Spiel. Salehi hatte im Dezember nicht nur den beiden Deutschen ein verspätetes Weihnachtstreffen mit ihren Angehörigen - Essen in einem noblen Hotel in Täbris - ermöglicht, sondern auch stets versucht, ihre baldige Freilassung zu erwirken. Der iranische Chefdiplomat soll in dieser Zeit auch mehrmals mit seinem deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle in Kontakt gewesen sein. Dieser ist am Samstag in Teheran eingetroffen, um die beiden Reporter abzuholen.

Der Justiz soll Salehi mehrmals gesagt haben, dass die beiden Deutschen ihren Fehler eingesehen und dafür ausreichend bestraft worden seien. Nun seien nicht nur die islamische Milde, sondern auch außenpolitische Gründe  an der Reihe, meinte Salehi. "Der Iran ist alleine wegen seiner kompromisslosen Haltung im Atomstreit und seiner anti-israelischen Politik im Nahen Osten bereits international isoliert, daher kann Salehi auf ein weiteres Problem, und das noch mit Berlin, gerne verzichten", sagte ein ausländischer Diplomat in Teheran.

Monatelange Haft bringt bessere Story
Den beiden deutschen Reportern kann es letztlich gleich sein, ob islamische Güte oder Diplomatie der Grund für ihre Freilassung waren. Hauptsache, sie können endlich nach Deutschland zurück. Und eine interessante Geschichte bringen sie auch noch mit: "Die haben doch eine weitaus bessere Story als die über Mohammadi-Ashtiani", sagte ein Journalist in Teheran. "Welcher ausländische Reporter hat denn schon eine Story über vier Monate Haft in einem Gefängnis in der Achse des Bösen?"

Westerwelle dankt iranischem Außenminister
Nach der Freilassung hat Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle seinem iranischen Kollegen Ali Akbar Salehi für dessen Engagement gedankt. Westerwelle machte nach einem Treffen mit Salehi in Teheran aber auch die bestehenden Differenzen mit der iranischen Führung deutlich. Der FDP-Vorsitzende nannte dabei den Streit um das iranische Atomprogramm sowie Menschenrechtsfragen und die demokratische Entwicklung im Iran.

Westerwelle war nach Teheran gereist, um die beiden Reporter der "Bild am Sonntag" nach Hause zu holen. Er traf auch mit dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zusammen. Noch in der Nacht zum Sonntag soll die Regierungsmaschine mit Westerwelle und den beiden freigelassenen Journalisten an Bord nach Berlin zurückfliegen.

Die iranische Exil-Opposition "Nationaler Widerstandrat" (NWRI) kritisierte die Iran-Reise des deutschen Vizekanzlers. Westerwelle würde durch das Treffen mit seinem iranischen Amtskollegen einem bereits "bankrotten Regime" neue Hoffnung machen und es zu weitere Repressionen gegen das Volk ermutigen, hieß es in einer Aussendung.

Merkel und Familien erleichtert
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Samstag mit großer Erleichterung auf die Nachricht von der Freilassung reagiert. "Ich bin sehr froh, dass Marcus Hellwig und Jens Koch endlich als freie Menschen zu uns nach Deutschland zurückkehren können", sagte Merkel "Bild am Sonntag". "Ich hoffe, sie erholen sich bald - körperlich wie seelisch - und können die schlimmen Erlebnisse der letzten Monate überwinden. Meine Gedanken sind auch bei ihren Familien, für die eine schwere Zeit der Ungewissheit jetzt ein Ende hat."

Mit großer Freude und Erleichterung reagierten auch die Angehörigen der beiden Reporter der "Bild am Sonntag" auf die Freilassung. Die Schwestern von Marcus Hellwig, Miriam Lobinsky und Christina Hellwig, sagten am Samstagnachmittag dem Blatt: "Wir sind dankbar und glücklich und freuen uns, dass das lange Bangen und Hoffen doch noch ein gutes Ende gefunden hat." Hellwigs achtjährige Tochter Hannah sei überglücklich, genauso wie ihre Mutter, ließen die Schwestern wissen.

Der Vater des Fotografen Jens Koch, Andreas Hartmann, sagte über den Moment, an dem er von dem Freikommen erfuhr: "Mir sind die Tränen in die Augen geschossen. Da heulen Sie als Vater einfach nur vor Freude. Ich glaube, ich habe am Telefon gar nichts gesagt, nur zugehört und hemmungslos geweint. Ich zittere immer noch. Dann bin ich zum Fernseher. Ich wollte in den Nachrichten sehen, was ich eben gehört hatte."

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