23.05.2021 15:57 |

„Krone“-Kolumne

Heute bin ich Gefühlschaos

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal mit einer Kinderbuch-Empfehlung für Erwachsene.

Eltern fragen immer wieder, welche Kinderbücher ich für eine altersadäquate Aufklärung empfehlen würde. Eines meiner Lieblingsbücher für kleine Kinder ist „Heute bin ich.“ Es ist wunderschön gezeichnet und eignet sich sehr gut, um über Gefühle zu sprechen. Sexuelle Bildung widmet sich oft zu wenig den emotionalen Aspekten von Beziehungen. Ich denke, dass das Reden über Gefühle gerade jetzt besonders wichtig wäre.

Gefühle kommen und gehen. Sie verändern sich auch. Leider kann man sich Gefühle nicht aussuchen: Sie sind erst einmal einfach da. Kinder spüren oft ganz unmittelbar ihre Wut, Traurigkeit, Angst, ihr Glück und ihre Liebe zu Menschen und Tieren. Sie brauchen Unterstützung von Erwachsenen dabei, um mit starken Gefühlen wie Wut, Angst und Enttäuschung umgehen zu lernen. Oft vergehen belastende Gefühle von alleine, aber manchmal muss man an ihnen auch arbeiten. Das kann man mit Kindern besprechen. Ob man über Gefühle schweigt, redet, herumschreit, joggen geht, oder sie in Essen, Computerspielen oder Alkohol ertränken will, lernen Kinder früh von Erwachsenen.

Was „Heute bin ich“ nicht zeigt, sind gemischte Gefühle. Dabei sind ein Gefühlschaos und unklare Stimmungen die eigentlichen Herausforderungen, auch für Erwachsene. Aktuell erleben im Rahmen der Öffnungen viele einen Mix von Emotionen: Freude und Aufregung, Hoffnung auf eine Rückkehr zur früheren Normalität, aber auch Trauer über den Verlust von Menschen und Lebenschancen. Auch Ängste vor Nähe und die soziale Isolation der Wintermonate sitzt vielen Menschen noch tief in den Knochen. Dazu mischt sich der Neid jener, die noch kein Impfangebot erhalten haben. Gemischte Gefühle ob der Öffnungen machen sich vor allem bei jungen Menschen breit. Die psychologische Forschung rechnet damit, dass gar nicht wenige Menschen als Reaktion auf die Pandemie eine Belastungsstörung entwickeln könnten.

Allerdings kann eine Verarbeitung belastender Erlebnisse erst dann sinnvoll beginnen, wenn man in Sicherheit und die belastende Situation vorbei ist. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hatten die höchste psychische Belastung im Lockdown-Winter. Gleichzeitig sind sie es auch, für die die Pandemie mit der Öffnung noch nicht vorbei ist. Während ältere Menschen oft bereits geimpft sind und sich sicher fühlen, war bis vor kurzem noch nicht einmal klar, ob Jugendliche überhaupt geimpft werden können. Auf 370.000 Studierende wurde ganz vergessen. Für sie gibt es auch noch keine Öffnung der Hochschulen. Diese Sicherheit für alle herzustellen, um das Gefühlschaos der Pandemie verarbeiten zu können, wird eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft in den nächsten Monaten sein.

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Barbara Rothmüller
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