"Zuckersüße" Rechte
F: Marine Le Pen tritt in Papas Fußstapfen
Marine Le Pen habe sich in der Mitgliederbefragung mit 67,65 Prozent der Stimmen gegen Bruno Gollnisch durchgesetzt, sagte der bisherige Front-National-Chef Jean-Marie Le Pen auf einem Parteikongress in Tours. Gollnisch erhielt demnach 32,35 Prozent der Stimmen. An der Befragung zu seiner Nachfolge beteiligten sich rund 76 Prozent der rund 22.400 Parteimitglieder. Bei ihrem Einzug in die Kongresshalle im westfranzösischen Tours wurde die Juristin von rund 2.000 Anhängern gefeiert.
Front National will bei der Präsidentschaftswahl punkten
Die 42-jährige Juristin hatte in den vergangenen Monaten bei mehr als 70 Auftritten vor Mitgliedern der Front National für sich geworben, hat gegen Migranten gehetzt, den Euro zum Verbrechen und Muslime zu Besetzern des französischen Territoriums erklärt. Dennoch wird Marine Le Pen im Vergleich zu ihrem Vater als gemäßigter betrachtet, denn während der jahrzehntelang radikal hetzender Jean-Marie Le Pen für viele Franzosen unwählbar war, rechnet sich die Front National mit der smarten Tochter größere Chancen aus.
Die Partei hofft bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2012 wie schon im Jahr 2002 mindestens in die Stichwahl zu kommen. Nach neuesten Umfragen ist dies nicht ausgeschlossen, bis zu 18 Prozent der Stimmen sollen demnach an die Front National wandern. Zudem findet ein Drittel aller Franzosen die rechtsextreme Politikerin sogar sympathisch.
Vater sorgte regelmäßig für Skandale
Dabei unterscheidet sie sich nur oberflächlich von ihrem Vater. Jean-Marie Le Pen fand seine Anhänger in den eher älteren Generationen, bei den Kriegsversehrten und in männerdominierten konservativen Zirkeln. Oft wirkte der 82-Jährige mit der altmodischen Hornbrille wie ein störrischer Mann ohne Charme. Regelmäßig sorgt er mit seinen geschichtsvergessenen Äußerungen für Skandale. So behauptete er 2005, die deutsche Besatzung Frankreichs während des zweiten Weltkrieges sei "gar nicht so unmenschlich" gewesen, und die Gaskammern der Nationalsozialisten seien nur ein "Detail der Geschichte".
Marine Le Pen gab sich empört über die strategischen Entgleisungen und drohte damit, ihre Parteiarbeit komplett einzustellen. Schließlich reißt der Vater mit seinen Ausfällen das mühsam aufgebaute Bild einer demokratischen Partei immer wieder ein. Marine Le Pen hat lange Zeit versucht die rechtsextreme Partei zu entdämonisieren, sie wieder gesellschaftsfähig zu machen. Sie befand den Islam und das Judentum für "normale Religionen" - ein internationaler Konsens, der in den Ohren der Anhänger der Front National aber nahezu revolutionär geklungen haben muss. Die Umfragen geben dem versöhnlicheren Konzept der künftigen Parteichefin recht.
Marine Le Pen bringt modernen Schwung...
Französische Demoskopen sprechen schon von ihrem "Sympathie-Kapital". Immerzu scheint sie zu lächeln, schüttelt Hände, bleibt auch bei aggressiveren Nachfragen von Journalisten und Kritikern freundlich. Nie wird sie ausfällig, wie es ihrem impulsiven Vater häufiger passierte. In Talkshows wirbt sie mit ihrem sogenannten ökonomischen Programm und erzählt, wie sie Frankreich vom Euro befreien möchte. Nach der Krise der europäischen Währung ein fast schon konsensfähiges Thema in Frankreich. Auch bei gesellschaftlichen Fragen gibt sie sich moderner und widerspricht dem starken erzkatholischen Flügel der Partei, der geschiedene Gläubige aus der Kirche ausschließen möchte. Schließlich hat Le Pen selbst zwei Ehen hinter sich.
Aber die biedere Fassade reißt sie nun selbst ein. Marine Le Pen weiß genau, wann sie wieder ein Tabu brechen muss, um Aufmerksamkeit zu schüren und ihrer rechtsextremen Basis aus dem Mund zu sprechen. Vor den Anhängern aber blitzt das alte Gesicht der Front National voller Feindseligkeiten wieder auf. Dann fordert sie mit donnernder Stimme, die Todesstrafe wieder einzuführen, kriminelle Einwanderer ohne Verfahren auszuweisen und bezichtigt alle Muslime, radikal islamistisch zu sein.
... und althergebrachten Anti-Islamismus
Inhaltlich unterscheiden sich Vater und Tochter nur wenig. Von ihm hat sie gelernt, gezielt einen Eklat zu provozieren. Betende Muslime auf dem Gehsteig seien "Besatzer des Landes", sagte sie in einer Rede vor Anhängern in Lyon. Bewusst wählte sie für ihre Provokation eine Veranstaltung der als besonders radikal verrufenen Mitglieder im Rhone-Tal des Nachbarlandes aus. Hier ist auch die Heimat ihres Konkurrenten Bruno Gollnisch.
Spätestens seit diesem Eklat ist die französische Gesellschaft alarmiert. Die Anti-Rassismusinitiative MRAP hat wegen ihres Vergleichs von Muslimen mit Nazi-Besatzern inzwischen Anzeige wegen Anstiftung zum Rassenhass erstattet, die Staatsanwaltschaft Lyon ermittelt bereits. Auch die bislang zurückhaltende Presse wie die Wochenzeitung "Express" bezeichnet Marine Le Pen nun als "neue Gefahr für Frankreich", die ihre Radikalität nur mit Zucker übergieße. Viele befürchten, die Tochter könnte in der französischen Republik noch mächtiger werden als ihr Vater.
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