20.04.2021 07:30 |

„Krone“-Kolumne

Soziale Distanz: Wenn Einsamkeit zur Epidemie wird

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zu sozialer Isolation im Lockdown. 

Die Pandemie bedroht nicht nur die körperliche Gesundheit von Menschen, sondern auch ihr psychisches und sexuelles Wohlbefinden. Neben Depressionen und Ängsten leiden Menschen unter einer Epidemie der Einsamkeit. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind im Winter davon betroffen gewesen, unter allein lebenden und jungen Menschen sowie von Armut Betroffenen noch deutlich mehr.

Einsamkeit ist besonders stark bei Menschen, nachdem sie ihren Job verloren oder eine Partnerschaft beendet haben. Nicht nur nach einer Trennung vermisst jeder Zweite häufig wichtige intime Beziehungspersonen, sondern auch bei einer Fernbeziehung. Einsame Menschen fühlen sich traurig, unglücklich und von anderen verlassen. Das wirkt sich auch negativ auf die Sexualität aus. Auf Dauer macht Einsamkeit krank.

In der Pandemie haben generell viele Menschen den Kontakt zu wichtigen Vertrauenspersonen verloren, sich auseinandergelebt, teilweise Kontakte aber auch aktiv abgebrochen, wenn man sich über die Pandemie-Maßnahmen zerstritten hat. Letztlich ist der Grund nicht so wichtig. Aufgrund eines Risikoberufs von Bekannten und Familienmitgliedern gemieden zu werden, macht Menschen ebenso einsam wie die Erfahrung, aufgrund der eigenen Haltung zur Pandemie lächerlich gemacht und ausgegrenzt zu werden.

Regelmäßige Kontakte leben oft vom gemeinsamen Freizeitprogramm. Für viele Menschen ist es zu mühsam, den Kontakt nur digital aufrechtzuerhalten. Nachdem Vereinstätigkeiten, Gruppensport und Feiern nicht möglich sind, finden sich viele Menschen nach Monaten des Lockdowns in einem kleinen Kreis engster Vertrauter wieder. Auch wenn der Beliebtheits-Contest in den sozialen Medien mal 15, mal 70 Likes oder mehr bei den digitalen „Freunden“ zeigt: Mehrheitlich haben Menschen zwischen drei und fünf enge Vertrauenspersonen. Jeder Vierte weniger.

Letztlich zählt aber auch gar nicht so sehr die Anzahl der Personen, sondern wie tragfähig die Beziehung - die Freundschaft, die Liebesbeziehung, der familiäre Zusammenhalt - ist. Denn einsam kann man auch unter vielen Menschen sein, wenn sich keine emotionale Nähe herstellen lässt. Dabei hilft es bereits, wenn Menschen das Gefühl haben, dass es jemand gibt, an den sie sich im Lockdown wenden können, um Einsamkeitsgefühle deutlich zu reduzieren. Eine solche Person kann auch eine Therapeutin oder ein Psychologe sein. Oder ein Haustier.

In jedem Fall wird es Zeit, nachzufragen, wie es anderen Menschen nach monatelangem Lockdown eigentlich wirklich geht. Und aus dem eigenen depressiven Rückzug heraus aktiv auf andere zuzugehen. Denn es benötigt eine kollektive Kraftanstrengung, um einsame Menschen nicht noch länger mit ihrer Traurigkeit allein zu lassen. Insbesondere wenn man selbst nur wenig psychosozial belastet ist, kann man einen Frühlingsspaziergang nutzen, um verloren gegangene Kontakte zu reaktivieren.

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Dr.in Barbara Rothmüller, Soziologin und Sexualpädagogin

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