Mit Quecksilber

Berlin: Giftanschlag auf Putin-Gegner gibt Rätsel auf

Ausland
28.12.2010 18:05
Nach dem skandalösen Schauprozess gegen Putin-Widersacher und Ex-Oligarch Michail Chodorkowski (siehe Infobox) sorgt jetzt noch ein Giftanschlag auf ein russisches Dissidenten-Paar in Berlin für Aufregung: Im Blut der Kreml-Gegner wurden dramatisch hohe Quecksilberwerte festgestellt. Die Opfer sind sicher, dass der russische Geheimdienst hinter dem Attentat steckt. Die deutsche Staatsanwaltschaft ermittelt - die Spezialabteilung für Verbrechen mit politischem Hintergrund.

Bei den Opfern des Giftanschlags handelt es sich laut dem deutschen Magazin "Focus" um das Ehepaar Viktor (58) und Marina Kalaschnikow (52), das nach massiven Drohungen aus Geheimdienstkreisen schließlich in Berlin gelandet ist.

Viktor Kalaschnikow, entfernt verwandt mit dem Erfinder der gleichnamigen Waffe, zählte früher zu den bestinformierten Männern der Sowjetunion - er war Militärexperte und selbst Oberst des KGB. Eine Zeit lang war er in dieser Funktion auch in Wien stationiert.

Der Geheimdienst und die Islamisten
Mit dem Zerfall des Riesenreiches wurde der Mann aber zusehends zum Dissidenten, der den Kreml unter der Führung Wladimir Putins über Jahre hart angriff. Als freiberufliche Journalisten prangerten er und seine Frau, eine promovierte Historikerin, insbesondere Putins Feldzug in der Kaukasusrepublik Tschetschenien an. Wie der "Focus" berichtete, behauptete das Paar in Artikeln und auf internationalen Konferenzen wiederholt, dass der russische Geheimdienst konspirative Verbindungen zu islamistischen Gruppen unterhalte.

"Einmal KGB, immer KGB", wurde Viktor Kalaschnikow gedroht. "Einmal wirst du mit deinem Blut für deine Illoyalität bezahlen." In Berlin stellten die Ärzte nun bei ihm laut "Focus" 53,7 Mikrogramm Quecksilber pro Liter Blut fest, bei seiner Frau sogar 56 Mikrogramm. "Der Grenzwert", so ein Toxikologe, "liegt zwischen ein und drei Mikrogramm."

Wann, wie und wo es zu dem Giftanschlag kam, ist noch unbekannt, die Folgen sind jedoch nicht zu übersehen. Marina Kalaschnikow leidet unter Schlaf- und Sehstörungen sowie Schwindel und hat schon 50 Prozent ihrer Haare verloren. Ihr einst bärenstarker Mann, so der "Focus", leidet an starken Stimmungsschwankungen. Und er weiß, dass eine Quecksilbervergiftung das zentrale Nervensystem angreift und Menschen verrückt machen kann.

Auffällige Parallelen zum Fall Litwinenko
Der Fall erinnert frappant an den Anschlag auf Alexander Litwinenko vor vier Jahren in London. Auch er war Ex-KGB-Offizier und ein vehementer Gegner des damaligen Präsidenten Putin, der ja früher selbst Geheimdienstchef war.

Litwinenko war mit der radioaktiven Substanz Polonium 210, die für Normalsterbliche unzugänglich ist, vergiftet worden - und langsam im Spital gestorben. Als Hauptverdächtiger gilt der Ex-KGB-Agent Andrej Lugowoi, Russland verweigert jedoch dessen Auslieferung an Großbritannien. Das Verbrechen ist somit bis heute ungeklärt. Doch noch auf seinem Sterbebett beschuldigte Litwinenko Wladimir Putin, der wahre Drahtzieher des Anschlages auf ihn zu sein.

von Christian Hauenstein, Kronen Zeitung

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