Mehr Schein als Sein

Putin in Russland potemkinsches Spital vorgeführt

Ausland
18.12.2010 09:49
Die teure medizinische Ausrüstung nur geliehen, die Gehaltszettel der Mitarbeiter gefälscht und die Patienten eigentlich Krankenhausangestellte: Ein russischer Arzt hat in einer Live-Fragestunde des russischen Fernsehens aufgedeckt, wie Ministerpräsident Wladimir Putin bei einem Besuch in seinem Krankenhaus bessere Zustände vorgegaukelt wurden, als sie im Alltag tatsächlich herrschen. Jetzt bangt der Kardiologe um seinen Job und die eigene Gesundheit.

Bei der mehrstündigen Sendung, bei der Putin seit Jahren Beschwerden von Bürgern über Korruption und Betrug entgegennimmt, hatte der Kardiologe Iwan Chrenow offenbart, dass bei einem Besuch des Ministerpräsidenten vergangenen Monat im Krankenhaus seines Heimatortes Iwanowo, rund 250 nordöstlich von Moskau, die wahren Zustände durch eine gezielte Inszenierung verschleiert worden seien.

Potemkinsches Spital
Dem Arzt zufolge seien medizinische Geräte aus anderen Einrichtungen in das Krankenhaus gebracht worden, um Putin eine gute Ausrüstung zu präsentieren. Die bei dem Besuch vorgestellten angeblichen Patienten seien in Wirklichkeit Angestellte des Krankenhauses gewesen. Das Personal sei außerdem angewiesen worden, viel höhere Gehälter anzugeben, als sie tatsächlich bekommen, so Chrenow.

Putin ordnete Untersuchung an
Putin, der sich gerne als Politiker präsentiert, an den sich jeder Bürger mit seinem Hilfeersuchen persönlich wenden kann, ordnete umgehend eine Untersuchung über die mögliche Veruntreuung von umgerechnet 3,2 Millionen Euro an, die das Krankenhaus erhalten hatte. "Wir lassen Sie nicht mit ihren Problemen allein, wir werden Ihnen helfen, wir kennen die gesamte Situation, machen Sie sich keine Sorge", versicherte Putin der Nachrichtenagentur RIA zufolge Chrenow.

Angst um Job und Gesundheit
Doch der Herzspezialist hat Angst und fürchtet die Konsequenzen seines Fernsehbekenntnisses. Er bange um seinen Job und die eigene Gesundheit, denn es könnte durchaus sein, dass ihm jemand in einer dunklen Gasse auflauere oder er gezwungen werde, "freiwillig" aus seinem Arbeitsvertrag auszuscheiden, so Chrenow am Freitag. Funktionsträger in Iwanowo hätten den Arzt der Nachrichtenagentur Interfax zufolge als verrückt bezeichnet, die örtliche Staatsanwaltschaft habe ihn zur Befragung vorgeladen.

Alles bloß Show?
Kritiker bezeichneten die Fragestunde im Fernsehen indes als Show, in der vorab instruierte Anrufer harmlose Fragen stellen. Chrenow sagte, er habe Putin nach dessen Besuch in dem Krankenhaus im November einen Brief geschrieben. Mitarbeiter des Ministerpräsidenten hätten ihn gebeten, seine Vorwürfe in einem Anruf während der Fernsehsendung zu wiederholen, zitierte Interfax den Arzt.

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