07.03.2021 11:55 |

Pensionisten & Corona

„Die Vereinsamung ist das größte Problem“

Scharfe Kritik übt Manfred Lackner, der Landespräsident des Pensionistenverbands Vorarlberg, am Corona-Management der Regierung. Freude bereiten ihm hingegen die Öffnungspläne für den 15. März.

Wie geht es den älteren Menschen in der Corona-Krise, was brauchen sie, was wollen sie? Manfred Lackner gibt Antworten und spricht über die Gefahren der Vereinsamung, die anstehende Pflegereform und eine notwendige und zweckgebundene Vermögenssteuer.

Sie müssen es wissen: Wie geht es der älteren Generation?

Nicht sonderlich gut. Die Menschen ziehen sich zunehmend zurück, teils nehmen die Depressionen zu. Auch zu Alkohol wird immer öfter gegriffen. Diese Zurückgezogenheit ist so weit vorangeschritten, dass es schwierig wird, die Menschen nach dieser langen Zeit der Lockdowns wieder aus der Vereinsamung herauszuholen. Wir werden alles versuchen, um die sozialen Kontakte zu forcieren.

Wie wollen Sie das tun?

Wir bieten eine ganze Fülle von Veranstaltungen an. Das reicht von Reisen bis zu Weiterbildungsangeboten - so kann man sich etwa sowohl in Sachen Videokonferenzen, aber auch in Computerprogrammen wie Excel schulen lassen. Auch ein Sommer-Aktivprogramm haben wir bereitgestellt: Tennis, Yoga, Wandern, Motorradfahren - ist alles schon organisiert. Allerdings wissen wir noch nicht, wann wir damit starten dürfen.

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Seitdem die Impfungen abgeschlossen sind, ist es nicht mehr verständlich, dass die Besuche immer noch so restriktiv gehandhabt werden.

Manfred Lackner

Ältere Menschen galten von Beginn der Corona-Krise an als die größte vulnerable Gruppe. Wurden sie auch entsprechend geschützt?

Bisher gab es Probleme mit dem Impfstoff. Jetzt aber sind die Pflegeheime endlich durchgeimpft, auch die über 80-Jährigen. Derzeit kommt die Gruppe der über 65-Jährigen an die Reihe. Ich denke, dass man zumindest in Vorarlberg für einen gewissen Schutz gesorgt hat, das muss man fairerweise festhalten.

War es Ihrer Meinung nach eine richtige Entscheidung, die Besuche in Pflegeheimen derart drastisch zu drosseln?

Anfangs war die Logik dahinter verständlich: Man musste die Menschen schützen, bevor es einen Impfstoff gab. Seitdem die Impfungen aber abgeschlossen sind, ist es nicht mehr verständlich, dass die Besuche immer noch so restriktiv gehandhabt werden. Da muss man großzügiger werden. Die Menschen leiden darunter, dass sie ihre Kinder und Enkelkinder nicht sehen.

Sie haben in den vergangenen Monaten immer wieder Kritik am Corona-Management geübt. Was ist da alles falsch gelaufen?

Es ist noch nett formuliert, wenn ich sage, dass die Bestellung der Impfstoffe äußerst mangelhaft organisiert war. Dasselbe gilt für die Masken für über 65-Jährige. Die wurden vom Bund versprochen - und noch heute bekomme ich Anrufe, weil die Masken immer noch nicht zugestellt wurden. Ich denke, wenn man einen Betriebsassistenz-Lehrling mit dieser Aufgabe betraut hätte - er hätte es wohl besser gemacht. Mit der Impfstoff-Bestellung wurde viel zu lange zugewartet. Auf Bundesebene hat man offensichtlich auf Astra Zeneca gesetzt - das hat sich zum Rohrkrepierer entwickelt. Auch bei den Selbsttest-Kits gibt es große Schwierigkeiten. Man kann nicht ankündigen, dass sich jeder diese Tests in der Apotheke abholen kann und dann stehen viel zu wenige zur Verfügung. Gleiches gilt für jene, die sich von ELGA abgemeldet haben. Es kann nicht sein, dass diese Menschen dadurch schlechter gestellt werden, das verstößt gegen das Gesetz. Wenn Peter Lehner (Anm.: Vorstand der Sozialversicherungen) dann zynisch meint, dass sich diese Menschen eben wieder bei ELGA anmelden sollen, dann hat er das Gesetz nicht verstanden. Jetzt ist zum Glück endlich Bewegung in die Sache gekommen.

Und auf Landesebene ist alles glatt gelaufen?

Das Land hat zu wenig Druck gemacht. Bei den FFP2-Masken haben wir zumindest erreicht, dass diese nun auch jenen gratis zur Verfügung gestellt werden, die finanziell nicht so gut aufgestellt sind. Ebenfalls haben wir angeregt, dass man sich zur Impfung auch telefonisch anmelden kann, weil viele Ältere keinen Internetzugang haben. Da konnten wir Gespräche mit der Landesregierung führen und haben auch etwas erreicht.

Was halten Sie davon, dass Wien das Vakzin von Astra Zeneca nun auch für über 65-Jährige zulässt?

Was die Wiener machen, ist ihre Angelegenheit, aber ich bin dafür, dass man in Vorarlberg erst einmal davon absieht, solange es keine klare Ansage der Impfkommission gibt, dass Astra für ältere Menschen absolut unbedenklich ist.

Abgesehen von Corona - was ist das größte Problem der älteren Menschen in Österreich?

Es ist die Vereinsamung. Das war schon vor der Krise so - Corona hat die Situation nur verschärft. Der Pensionistenverband hat viele Angebote - auch für Menschen, die keine Mitglieder sind -, aber wir alleine können das nicht stemmen. Es braucht eine Veränderung in der gesamten Gesellschaft. Auch in Sachen Pflege der Zukunft muss man endlich zur Tat schreiten.

Konkret bedeutet das was?

Das Pflegepersonal muss besser bezahlt werden, es braucht einen Personalschlüssel, der nicht zu Lasten der Mitarbeiter und der Bewohner geht. Je frustrierter das Personal, desto schwieriger wird die Situation für die Bewohner. Hinzu kommt die Pflege zuhause. 80 Prozent der Menschen wollen daheim bleiben können. Dafür braucht es aber auch mehr Personal. Die mobilen Hilfsdienste und andere leisten großartige Arbeit, sind aber am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Notwendig ist auch der Ausbau der ambulanten Demenzbetreuung. Da ist wirklich viel zu tun. Und in letzter Konsequenz bleibt eine Frage: Wie kann das finanziert werden? Ohne Geld keine Reform, die diesen Namen auch verdient.

Woher soll das Geld also kommen?

Man wird über eine höhere Beteiligung jener nachdenken müssen, die finanziell sehr gut aufgestellt sind. Also über eine Vermögens- und eine Erbschaftssteuer. Diese Gelder müssen dann aber zweckgebunden sein und dürfen nicht in den allgemeinen Budgettöpfen verschwinden.

Am 15. März sperrt Vorarlberg wieder auf. Eine gute Idee?

Ein richtiger Schritt - mit der gebotenen Vorsicht. Die Menschen brauchen wieder eine Perspektive, die Gesellschaft neuen Optimismus. Viele tragen etwas mit, das sie gar nicht wirklich verstehen. Der tagtägliche Virologen-Sprech ist für viele nicht verständlich und macht nur Angst. Das Wording sollte in diesem Bereich überdacht werden. Natürlich ist Corona eine gefährliche Erkrankung, aber es ist nicht Ebola.

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Im ersten Lockdown hat man gesehen, wie sehr die junge Generation bereit ist, der älteren zu helfen.

Manfred Lackner

Zum Abschluss: Was macht das Leben im Alter lebenswert?

Wer gesund ist, kann sich den Alltag abwechslungsreich gestalten. Das Wichtigste sind aber die sozialen Kontakte. Ich selbst bin 75 Jahre alt und führe ein sehr erfülltes Leben. Ich arbeite jeden Tag acht Stunden. Wir sind auch laufend auf der Suche nach Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Und eines sei auch noch erwähnt: Im ersten Lockdown hat man gesehen, wie sehr die junge Generation bereit ist, der älteren zu helfen. Dieser Gemeinschaftsgedanke sollte immer wieder in den Mittelpunkt gerückt werden, er ist wesentlich.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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