11.01.2021 11:30 |

Doppelinterview

„Die Politiker sind ja alles arme Hunde“

Den Sozialpartnern fällt bei der Bewältigung der Corona-Krise eine wichtige Rolle zu. Arbeiterkammerpräsident Hubert Hämmerle und Wirtschaftskammerpräsident Hans Peter Metzler im „Krone“-Doppelinterview:

2020 stand ganz im Zeichen von Corona. Welche Erkenntnisse haben Sie mit ins neue Jahr genommen?

Hubert Hämmerle: Corona wird weiterhin unser Leben beeinträchtigen und uns vor große Herausforderungen stellen. Wir haben so viele Arbeitslose wie Bludenz Einwohner hat, Tendenz steigend. Hinter den Zahlen geht es um einzelne Menschen, ganze Familien, die armutsgefährdet sind. Neben jenen ohne Job gibt es Arbeitnehmer, die vor der Krise mit ihrem Gehalt so gerade über die Runden gekommen sind. Durch die Einbußen geht es auch für sie um ihre Existenz.
Hans Peter Metzler: Wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, gibt es genau diese Auswirkungen. Das Jahr 2020 hat gezeigt, wie wehrlos wir eigentlich sind. Vorarlberg hat tolle Betriebe mit vielen engagierten Mitarbeitern, die sich trotz aller Bemühungen teilweise nicht erfolgreich gegen die Entwicklung stemmen konnten. Eine weitere Erkenntnis ist, dass wir einen breit aufgestellten Standort haben. Die meisten Industriebetriebe, der Bau, das Handwerk - all das funktioniert. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was wäre, wenn die auch noch in Schwierigkeiten wären.

Wie können Sie als Sozialpartner Einfluss nehmen?

Hämmerle: Ich bin froh, dass es den Sozialpartnern und den anderen Beteiligten gelungen ist, mit der Kurzarbeit sehr rasch ein gutes Modell gefunden zu haben.
Metzler: Das war essenziell. Hätten wir die Kurzarbeit und andere Hilfsmaßnahmen nicht - das sehe ich selbst im eigenen Betrieb -, sähe die Situation auf dem Arbeitslosenmarkt weit dramatischer aus.
Hämmerle: Und im Vergleich zur Finanzkrise funktioniert die Kurzarbeit dieses Mal viel besser. Mit den Nachbesserungen und der Unterstützung durch den Bund ist das Modell jetzt für Arbeitnehmer und Arbeitgeber machbar. Viele Betriebe werden, wenn es wieder aufwärts geht, froh sein, dass Mitarbeiter nicht neu rekrutiert werden müssen.
Metzler: In manchen Branchen war es schon vor der Krise nicht leicht, Arbeitskräfte zu finden. Deswegen ist es auch so wichtig, dieses Jahr gemeinsam mit dem AMS ein Impulsprogramm mit Umschulungen zu starten. Die Menschen sollen Perspektiven haben und in anderen Branchen Fuß fassen können.

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Viele Betriebe werden, wenn es wieder aufwärts geht, froh sein, dass Mitarbeiter nicht neu rekrutiert werden müssen.

AK-Präsident Hubert Hämmerle

Unabhängig von Corona schreitet die Digitalisierung voran, Jobs für Niedrigqualifizierte gehen verloren. Wie sieht der Plan für jene aus, die nicht Schritt halten können?

Hämmerle: Dieses Problem gab es bereits vor einigen Jahren, als mehr und mehr Unternehmen auf Automatisierung gesetzt haben. Grundsätzlich wird die Arbeit nicht weniger, sie verändert sich aber. Da kann der Zugang nur der sein, dass sich Menschen höher qualifizieren. Das beginnt in der Schule und muss danach weitergehen. Eine Grundausbildung reicht nicht mehr, lebenslanges Lernen ist gefragt. Jeder Einzelne muss sich mit den Veränderungen seines Berufs befassen. Wir als Sozialpartner sind gefordert, Angebote zu schaffen.

Reicht das?

Hämmerle: Nein, es braucht auch einen starken zweiten Arbeitsmarkt - so wie etwa in der Schweiz. Eine gewisse Anzahl von Menschen wird auch über Qualifizierungsmaßnahmen nicht in den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren. Das Schweizer Modell ermöglicht es zum Beispiel, dass ältere Mitarbeiter bis zur Pension einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.

Wie sehr hat die Pandemie die Digitalisierung eigentlich beschleunigt?

Metzler: In Sachen Digitalisierung wirkt Corona wie ein Brennglas. In vielen Betrieben und im Bildungsbereich wurden innerhalb eines halben Jahres Lösungen umgesetzt, für die man sonst zwei, drei Jahre gebraucht hätte. Was den Bildungsbereich angeht, das sehe ich genauso wie Hubert, müssen wir die Umsetzung des Zehn-Punkte-Programms für die Bildung forcieren und Skills wie technisches Wissen, aber auch Teamfähigkeit und Ähnliches besser vermitteln. Das Bildungssystem muss sich den Zukunftsthemen stärker widmen. Für jene Arbeitnehmer, für die Qualifizierungsmaßnahmen nichts bringen, müssen wir vergleichbare Lösungen finden wie in der Schweiz. Hubert, dein Beispiel musst Du mir dann noch mal genauer erklären.
Hämmerle: Das können wir gerne miteinander anschauen gehen. Aber es ist ein soziales Projekt.
Metzler: Das ist schon klar. Aber die Wirtschaft wird es in irgendeiner Form stützen müssen.

Im Moment befinden wir uns wieder im Lockdown. Gäbe es Alternativen dazu?

Metzler: Die politischen Entscheidungsträger sind ja alles arme Hunde. Es gibt die medizinischen Notwendigkeiten - und es gibt 1000 Gescheite, die alles besser machen würden, aber immer erst im Nachhinein. Bis zum Erreichen einer Herdenimmunität gibt es keine Alternative. Das ist das Brutale. Da müssen wir durch.
Hämmerle: In Sachen Kommunikation gäbe es aber sehr wohl eine Alternative. Ich bin kein Kurz-Fan, gestehe ihm und der Regierung aber zu, am Anfang einen guten Job gemacht zu haben. Inzwischen sage ich: Wenn in einem Betrieb so gearbeitet werden würde, hieße es: Nein, so geht das nicht! Ich kann doch nicht am Abend Maßnahmen verkünden, die am nächsten Tag umgesetzt werden müssen. Bei manchen Dingen braucht es etwas Vorlaufzeit. Bei anderen - etwa bei Geschäftsschließungen - hätte man schneller reagieren müssen, damit nicht alle noch an den letzten Öffnungstagen zu den Wahnsinnigen rennen, die mit Sonderangeboten locken. Außerdem sollten Experten die Schritte begründen. Inzwischen hört niemand mehr, was die Politik sagt. Da wurde viel kaputt gemacht und dies zu richten, wird eine schwierige Aufgabe werden.
Metzler: Mit der Kommunikation gebe ich Dir in vielen Teilen Recht. Das ist nicht immer gut gelaufen. In der Wirtschaftskammer wurde noch auf die Verordnungen gewartet, während die Unternehmer schon bei uns angerufen und gefragt haben, was jetzt zu tun sei. Auf der anderen Seite: Diese Situation zu bewältigen, ist schon anspruchsvoll. Aber unsere Politiker könnten daraus lernen und den Kurs ein wenig ändern. Sie müssten eigentlich nur nach Deutschland schauen, wie es "Mama Merkel" macht - nämlich mit einer klaren Führung und in Ruhe. Sie hat auch ihre Probleme mit den 16 Bundesländern und deren Führungen. Aber ich habe das Gefühl, die Kommunikation ist ein bisschen entspannter als bei uns.

Sie sind beide christlich-sozial geprägt. Welche Beobachtungen haben Sie während der Coronazeit gemacht?

Hämmerle: Es gibt Menschen, die sehr sorgsam mit der Gesundheit der anderen umgehen. Und es gibt Menschen, die sich komplett verweigern. Ich habe drei Kinder und die Tochter ist eine, die „scharrat“. Da gilt es, das Mittelmaß zu finden. Ich verstehe, dass Jugendliche ein Problem haben, mir fehlen menschliche Kontakte genauso. Ich bin gerne auf einem Fußball- oder Eishockeymatch und ich würde meine Eltern, die zur Risikogruppe gehören, gerne öfter besuchen.
Metzler: Ich habe ebenfalls eine Tochter, die wenig Verständnis dafür hat, dass sie ihre Leute nicht mehr treffen darf. Das Homeschooling ist auch nicht so friktionsfrei und lustig. Bei dem Thema fällt mir der ehemalige deutsche Kanzler Helmut Schmidt ein, der gesagt hat: In der Krise erkennst du den Charakter. In der heutigen Krise gibt es das „Ich-ich-ich“, aber auch ein „Wir“. Die Voraussetzungen, die Pandemie zu bewältigen, sind gut, aber wir müssen auch ein wenig aufpassen. Es gibt österreichweite Umfragen die besagen, dass die Stimmungslage in der Bevölkerung noch nie so angespannt und teilweise auch negativ war, was die Zukunft angeht. Darum müssen wir positiv bleiben. Ich bin froh, dass ich in dieser Krise als Unternehmer in Vorarlberg, in Österreich lebe und nicht irgendwo im Süden. Die Hilfsprogramme sind - wenn auch nicht immer gut umgesetzt - unterm Strich gut gemacht. Ich hoffe, dass wir durch die Impfung in Richtung Herdenimmunität kommen und dass nicht mehr zu viele Wellen kommen. Das hielte die Wirtschaft nicht aus und die Menschen schon gar nicht.

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Ich bin froh, dass ich in dieser Krise als Unternehmer in Vorarlberg, in Österreich lebe und nicht irgendwo im Süden. Die Hilfsprogramme sind - wenn auch nicht immer gut umgesetzt - unterm Strich gut gemacht.

WK-Präsident Hans-Peter Metzler

Wie beurteilen Sie das erzwungene Experiment Homeoffice?

Metzler: Das ist überraschend gut gelaufen und hat schnell funktioniert. Nur ist das keine dauerhafte Lösung. Es ist komisch, wenn niemand im Büro sitzt und man verliert das Gefühl, was die Mitarbeiter tun, woran sie arbeiten. Auch Konferenzen sind spannender, wenn man wirklich zusammensitzt. Ich denke, dass es für die Zeit nach der Pandemie eine gute Durchmischung zwischen analog und digital braucht. Was das Homeoffice angeht, sollten Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Regeln erstellen. Es sollte keine Pflicht sein, aber auch keinen Anspruch geben.
Hämmerle: Ich glaube, dass beide Seiten gelernt haben. Homeoffice ist Vertrauenssache und viele Unternehmer haben sich vor Pandemiebeginn gedacht: Wenn der Mitarbeiter daheim hockt, tut der faule Hund nichts. Jetzt sehen sie, dass es funktioniert, dass ihre Mitarbeiter strukturiert arbeiten. Auf der anderen Seite haben viele Mitarbeiter gemerkt, wie schwierig es sein kann, im Homeoffice zu arbeiten. Ich bin für Freiwilligkeit - das ist die Grundbasis. Mitarbeiter dürfen nicht nach Hause verbannt werden, um die Büroeinrichtung zu sparen. Es gibt Wohnungen, wo kein Homeoffice möglich ist. Wenn zusätzliche Kosten entstehen, müssen diese abgegolten werden. Zudem müssen versicherungstechnische Dinge geklärt werden. Was passiert, wenn ich während der Arbeit zu Hause über ein Kabel oder das Spielzeug meiner Tochter falle? Ist das ein Arbeitsunfall?

Ihr Wunsch für 2021?

Hämmerle: Wir haben während der Krise Dinge gesehen, die super funktionieren, aber auch, dass es destruktive Tendenzen gibt. Ich wünsche mir, dass wir nach der Pandemie sagen können: Die durch die Zuspitzung in der Krise abgebrochenen Brücken können wieder aufgebaut werden, womit auch wieder mehr Wertschätzung und Toleranz Einzug halten würden.
Metzler: Dem schließe ich mich vollinhaltlich an. Zudem wünsche ich mir, dass unsere Häuser einen guten Job machen und dass wir in den Bereichen Bildung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit zueinander finden. Dass wir miteinander spannende Projekte aufstellen, so dass wir irgendwann, wenn wir am Parkbänkle sitzen und ein Gläsle trinken, sagen können: Herrgott, des hamma jetzt guat anebrocht und da Menscha g’holfa!

Das Interview führte Sonja Schlingensiepen

 Vorarlberg-Krone
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