08.12.2020 14:15 |

Mit 14 im Drogensumpf

„Wussten nie, ob unsere Tochter noch lebt!“

Jene Familien, deren minderjährige Kinder Drogenprobleme haben und sich mit ihren Erlebnissen an die „Krone“ wenden, werden immer mehr. Nun schildert eine Mutter aus dem Unterland, wie ihre Familie durch die Drogensucht ihrer Tochter (17) fast zerbrochen wäre. Es sind erneut Szenen, die unter die Haut gehen.

Zweieinhalb Jahre Angst, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Zweieinhalb Jahre die Drogenhölle auf Erden. So beschreibt die Mutter von Vanessa die verstrichene Zeit. „Unsere Familie war wirklich kurz davor, auseinanderzubrechen“, sagt sie. Die dramatischen Erlebnisse fanden ihren Anfang, als Vanessa 14 Jahre alt war. „Ihr Verhalten hatte sich verändert. Sie war in sich gekehrt. Wir sind davon ausgegangen, dass es an der Pubertät lag“, so die Tirolerin.

„War ein Schlag ins Gesicht“
Mit einer Freundin und deren Mutter habe Vanessa folglich in ein Unterländer Lokal gehen dürfen: „Als sie wieder zu Hause war, mussten wir die Rettung alarmieren, weil sie durchgedreht hat und apathisch war. Im Spital wurde festgestellt, dass sie mit Speed und Ecstasy zugedröhnt war. Meine Tochter betonte, dass man ihr die Drogen ins Glas gegeben hätte. Das haben wir ihr natürlich geglaubt.“

Doch ab diesem Tag verschlechterte sich der Zustand der 14-Jährigen. Rund vier Monate später haben Psychiater festgestellt, dass Vanessa regelmäßig Drogen konsumierte und bereits extrem suizidal war. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, gibt die Mutter offen zu, „nach und nach ist meine Tochter dann damit herausgerückt, was sie alles zu sich nahm.“

Kritik an Einrichtungen, in denen Vanessa war
Zuflucht hat die Familie bei der Drogenberatung gesucht - vergeblich: „Drogen zu nehmen, sei nicht gut. Das war der einzige Rat, den wir erhalten haben. Brauchbare Hilfestellungen waren auch sonst Mangelware. Wir hatten stets das Gefühl, dass niemandem bewusst war, wie sehr Vanessa schon von den Drogen abhängig war.“ Die Situation spitzte sich zu, Vanessa - die den Zwang verspürt, sich selbst zu verletzen - wurde zweimal in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall eingeliefert.

„Sie war tagelang dort. Als ich sie wieder abholen konnte, habe ich keine Details erhalten - wegen der ärztlichen Schweigepflicht“, erläutert die Tirolerin, „Vanessa wollte nicht mehr dorthin zurück. Wir durften sie auch nicht gegen ihren Willen einweisen lassen.“

„Haben sie nicht mehr als Tochter gesehen“
Dann stellte sich heraus, dass die Jugendliche zu Hause Drogen gebunkert hatte. „Wir haben die Polizei angerufen, die Vanessa und die Substanzen mitgenommen hat. Doch die Ermittlungen gegen sie wurden eingestellt, was ihr gezeigt hat, dass dieses Vergehen nicht so schlimm sei. Ich musste hingegen eine Geldstrafe berappen, weil sie eine Shisha-Pfeife in ihrem Zimmer hatte“, sagt die Mama.

Ihre Kräfte verließen sie und ihren Ehemann schleichend: „Wir waren kurz davor, aufzugeben, haben nervlich und seelisch nicht mehr können. Im Drogenwahn hat Vanessa mit uns gerauft und auf uns eingeschlagen. Wir haben nie gewusst, ob sie noch lebt, wenn wir in der Früh ihre Zimmertüre geöffnet haben. Wir waren uns nie sicher, ob sie lebend nach Hause kommt oder ob man sie uns in einem Sack vorbeibringt. Wir haben sie nicht mehr als Tochter, sondern als Feind angesehen.“

Eine gute Freundin spendete neuen Mut
Es waren zwei Nachrichten von einer Freundin, die die Mutter wachgerüttelt haben: „Gib nicht auf. Zeig ihr, dass du für sie da bist. Du bist ihr Leuchtturm, weise ihr den Weg und leuchte für sie!“ und „Lieb mich dann, wenn ich es am wenigsten verdiene, weil dann brauche ich es am meisten.“ Die Unterländerin hat dadurch neuen Mut erhalten und den Erlebnishof von Maria und Manuel Hofmann – die „Krone“ berichtete – entdeckt. „Sie haben uns das Leben gerettet“, ist die Tirolerin überzeugt.

Seit sechs Monaten clean
Seit acht Monaten befindet sich die 17-Jährige regelmäßig auf dem Erlebnishof von Maria und Manuel Hofmann in Thiersee. Dort fühlt sie sich rundum wohl, seit sechs Monaten ist sie clean. Der Kampf zurück in die Normalität wird noch ein harter sein, doch die junge Tirolerin ist auf dem besten Weg. „Nicht immer versinken Jugendliche im Drogensumpf, weil sie cool sein wollen oder von ihren Eltern schlecht erzogen werden. Oftmals ist auch ein tiefgründiges Problem der Auslöser dafür“, betont die Mutter von Vanessa und ergänzt: „Wir wissen mittlerweile, dass unsere Tochter eine autoaggressive Depression mit einem Einschlag eines leichten Boarderline-Syndroms hat.“

„Sie haben unsere Familie gerettet“
Sie ist nicht nur medikamentös eingestellt und in Behandlung, sondern verbringt auch freiwillig Zeit auf dem Erlebnishof der Hofmanns. „Sie kann sich dort körperlich ausleben, ehrlich sein und alles ansprechen, was ihr auf dem Herzen liegt. Das Paar hat unbeschreiblich viel für uns getan. Sie haben unsere Familie gerettet, wir haben uns wiedergefunden. Dafür bin ich allen Beteiligten sehr dankbar“, teilt die Mama mit. Bis Vanessa wieder so sein wird wie früher, dauert es. Die Drogen haben viel kaputt gemacht, sie habe viel durchleben müssen - etwa, dass zwei Kollegen an den Drogen verstorben seien, wie ihre Mama sagt.

Ausbildung an Sozialarbeiterschule
Aber dank den Hofmanns hat die Jugendliche eine Perspektive für sich entdeckt. „Nächstes Jahr möchte sie mit einer Ausbildung an einer Sozialarbeiterschule beginnen, um künftig Menschen mit Handicap zu helfen. Noch heuer startet sie einen Vorbereitungskurs dafür“, verkündet ihre Mama stolz.

Jasmin Steiner, Kronen Zeitung

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