"Umprogrammiert"

Deutsche Forscher züchten künstliche Nacktschnecke

Wissenschaft
11.10.2010 16:03
Forscher der Universität Tübingen haben erstmals eine künstliche Nacktschnecke gezüchtet. Die Biologen erreichten durch Zugabe von Platin bei Embryonen der Süßwasser-Schnecke Marisa cornuarietis, dass diese keine äußere Schale entwickelte - sondern eine kleine innere. Entdeckt wurde der Effekt von der Doktorandin Raphaela Osterauer während einer Studie zur Giftwirkung von Metall-Molekülen.

Nur ein bis zwei Tage entscheiden während der Embryonal-Entwicklung der Schnecke darüber, ob die Tiere während ihres Lebens ein Gehäuse tragen oder nicht. Wird während dieser Zeit die Wachstumsrichtung des schalenbildenden Gewebes "umprogrammiert", dann entwickeln diese Weichtiere keine äußere gewundene Schneckenschale. Stattdessen wächst ein kleiner Hohlkegel im Körperinneren – eine ähnliche Entwicklung nehmen die ebenfalls zu den Weichtieren gehörenden Tintenfische.

Kiemen an anderer Stelle angelegt
Die Umprogrammierung hat bei der Schnecke aber auch Konsequenzen für die Lage anderer Organe: So liegen die Kiemen nicht - wie üblich - über dem Kopf in einer Mantelhöhle, sondern erstrecken sich stattdessen am Hinterende des Tieres frei ins Wasser.

Die vom Team um Heinz Köhler und Rita Triebskorn vom Institut für Evolution und Ökologie der Universität Tübingen in der Zeitschrift "Evolution & Development" vorgestellten Befunde unterstützen die Ansicht, dass sich die Körpergestalt von Organismen im Laufe der Evolution durch vergleichsweise geringfügige Modifikationen von Signalwegen sprunghaft verändert haben könnte.

Keine genetische Veränderung
Durch die Wirkung von Platin wurden die Schnecken genetisch nicht verändert, sie sind keine Mutanten. Die Forscher nehmen jedoch an, dass die Regulation der Aktivität, das heißt das An- und Abschalten von Genen, modifiziert wird, und dass derartige Modifikationen auch während der Evolution von Körperformen der Weichtiere bedeutsam waren.

Foto: Heinz Köhler und Irene Gust, Universität Tübingen

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