Kein Vergewaltiger

Gehörloser saß fast 20 Jahre unschuldig im Gefängnis

Ausland
30.09.2010 09:49
Fast 20 Jahre hat es gedauert, am Dienstagnachmittag hat der Texaner Stephen Brodie seinen Kampf gegen Polizei- und Justizbehörden in seinem Heimatbundesstaat gewonnen. Der seit seiner Kindheit Gehörlose wurde 1993 wegen Vergewaltigung eines fünfjährigen Mädchens verurteilt, nachdem er in einem ohne Dolmetscher geführten Verhörmarathon ein Geständnis abgelegt hatte. Entlastende Beweise wurden der Verteidigung vorenthalten. Der wahre Täter ist nach wie vor auf freiem Fuß.

Brodie, heute 39 Jahre alt, war 1991 in einem öffentlichen Schwimmbad in Dallas beim Versuch, aus einem Automaten Kleingeld zu stehlen, verhaftet worden. Während der Befragung, die ohne einen Übersetzer erfolgte, konfrontierten ihn die Beamten plötzlich mit dem ungelösten Vergewaltigungsfall aus dem Vorjahr. 

Brodie wurde in nur fünf Tagen insgesamt 18 Stunden verhört, meistens ohne einen Dolmetscher. Der Befragungsmarathon hatte schließlich ein Geständnis des Gehörlosen zur Folge. Vor seinem Prozess widerrief Brodie das Geständnis und behauptete, die Polizisten hätten ihn unter Druck gesetzt. Trotz der fraglichen Umstände wurden die Verhörprotokolle aber als Beweise vor Gericht zugelassen. Um einer langjährigen Haftstrafe zu entgehen - auf Vergewaltigung Minderjähriger stehen in Texas bis zu 99 Jahre -, willigte Brodie einem sogenannten "Plea Bargain"-Deal mit der Staatsanwaltschaft ein. Er bekannte sich schuldig, das Mädchen attackiert zu haben und erhielt dafür "nur" fünf Jahre Haft.

Aus Protest Registrierung verweigert - wieder in Haft
Nachdem er die Strafe abgesessen hatte, versuchte Brodie mit Unterstützung seines Vaters eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen, um seine Unschuld zu beweisen. Aus Protest registrierte er sich in seinem Heimatbezirk nicht als Sexualstrafträter, wie dies in Texas mittlerweile Vorschrift geworden war. Brodie erhielt erneut eine Gefängnisstrafe, verweigerte auch danach die Registrierung - und musste wieder ins Gefängnis. Zum Zeitpunkt seiner Freilassung saß er bereits das dritte Mal wegen Nicht-Registrierung ein.

Die Freilassung erreichte schließlich Brodies Vater, der den Bezirksstaatsanwalt von Dallas überzeugen konnte, den Fall seines Sohnes einer zuvor gegründeten Spezialeinheit für Falschverurteilungen zu übergeben. Brodies Vater hatte bei seinen Recherchen entdeckt, dass die Ermittler entlastendes Beweismaterial unter Verschluss behalten hatten. Eine DNA-Spur in Form eines Haares sowie ein Fingerabdruck passten nicht zu Brodie, die Verteidigung des Gehörlosen wurde jedoch nie darüber informiert.

Polizisten "kontaminierten" das Verhör
Die Ermittler des "District Attorney" zerlegten auch das Polizeiverhör, in dem Brodie sein Geständnis abgelegt hatte. Dabei zeigte sich, dass die Polizisten eine sogenannte "Kontamination" der Befragung durchgeführt hatten. In ihren Fragen informierten sie Brodie ganz beiläufig über Details des Tatortes und des Tathergangs, die er als Unschuldiger nie gewusst haben könnte. Ob dies bewusst geschah, um Brodie schließlich aufgrund seines vermeintlichen Detailwissens zu überführen, wurde nicht bekannt. Jedenfalls finden sich in der Niederschrift des Geständnisses nur zwei der ingesamt 45 Details, die Brodie während des Verhörs bekanntgemacht wurden.

Beim Berufungsverfahren am Montag, als Brodie von Richterin Lena Levario freigesprochen wurde, ist außerdem bekannt geworden, dass die Ermittler die verheimlichten Tatortspuren schon ein Jahr nach Brodies Verurteilung zu einem vorbestraften Sexualtäter zurückverfolgten. Der Mann war damals für den Angriff auf ein 15-jähriges Mädchen nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Abermals wurde dies der Verteidigung vorenthalten. Die einzige Reaktion der Polizei: Es wurde überprüft, ob Brodie und der Vorbestrafte eventuell Komplizen waren. Der Bezirksstaatsanwalt versprach, ein Verfahren gegen den Mann einzuleiten. Beim Berufungsverfahren hatte dieser sich der Aussage entschlagen, mit der Begründung, er müsste sich dann selbst belasten.

"Ich fühle mich frei, ich bin extrem glücklich", sagte Stephen Brodie nach der Gerichtsverhandlung mithilfe eines Gebärdensprache-Übersetzers. Am Dienstagnachmittag konnte er das Gefängnis verlassen. "Ich freue mich auf ein Abendessen mit meinem Vater."

Falsche Geständnisse immer größeres Problem?
Ungemach kommt indes auf die Polizisten in Richardson, Texas zu, die die Ermittlungen in Brodies Fall leiteten. Seit die Spezialeinheit des Bezirksstaatsanwaltes ihre Arbeit aufgenommen hat, wurden 20 Falschverurteilungen aufgedeckt. Brodie war der bereits zweite Fall, in dem Ermittler aus Richardson die Finger mit im Spiel hatten. 1985 brachten die Polizisten einen vermeintlichen Vergewaltiger hinter Gitter, der dort ganze 23 Jahre ausharrte bis im Jahr 2008 seine Unschuld bewiesen und das Urteil aufgehoben wurde. Die Polizisten hatten offenbar DNA-Spuren getürkt bzw. bewusst ignoriert, ein falsches Geständnis wie bei Brodie war aber nicht im Spiel. 

Laut einer aktuellen Studie eines Rechtsprofessors an der Universität von Virginia entpuppen sich falsche Geständnisse aber als immer größeres Problem der US-Justiz. Zwar gab es seit 1976 nur knapp 40 Fälle, in denen eine Verurteilung wegen eines erpressten Geständnisses oder wegen eines durch "Kontamination" verfälschten Verhörs aufgehoben wurde, doch sei eine wesentlich höhere Dunkelziffer zu befürchten. Peter Neufeld, Gründer der New Yorker Organisation "Innocence Project", fordert von Staatsanwälten, Geständnisse künftig genauestens zu überprüfen. "Und zwar auf ihre Glaubwürdigkeit, nicht bloß ob sie freiwillig gemacht wurden."

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