09.09.2020 15:51 |

Schmutzkampagnen

So tobt der „Krieg der Sterne“ auf Amazon

Was zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es meistens auch. Viele Nutzer stehen Fünf-Sterne-Bewertungen auf Amazon deswegen skeptisch gegenüber. Oftmals zu recht: Erst in der Vorwoche löschte der Online-Händler in Großbritannien 20.000 gefälschte Rezensionen mit Bestnoten. Der „Krieg der Sterne“ tobt daher immer öfter woanders - am unteren Ende der Bewertungsskala.

Ella Keyes betrieb als Drittanbieterin über Amazon einen regen Handel mit Schwangerschaftsprodukten, verdiente damit etwa 3000 Pfund pro Monat, wie die britische BBC berichtet. Die Kunden schienen zufrieden: Sie habe etwa 60 Rezensionen erhalten, fast alle positiv, schilderte Keyes. Doch dann passierte etwas Seltsames: Sie erhielt eine Flut von Ein-Stern-Bewertungen. „Als die ersten Bewertungen kamen, hatte es keinen allzu großen Einfluss, weil ich genug positive Rezensionen hatte, um es irgendwie auszugleichen“, so Keyes. „Aber als mehr und mehr kamen, stürzten die Verkaufszahlen in den Keller.“ Einige Monate später gab Keyes ihr Online-Geschäft schließlich auf. Sie geht davon aus, dass viele der negativen Bewertungen gefälscht waren.

Eine Vermutung, die sich mit den Beobachtungen von Janson Smith deckt. Auch er sah sich als Drittanbieter plötzlich auf Amazon mit negativen Rezensionen konfrontiert, wollte dies allerdings nicht so einfach hinnehmen und versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen. Er verglich dazu die negativen Kritiken, die er erhalten hatte, mit den Bestellungen und stellte fest, dass fast alle von verdächtigen Konten stammten. Erst durch eine Intervention bei Amazon gelang es ihm, die Ein-Stern-Bewertungen wieder entfernen zu lassen.

Hinter den gehäuften Negativkritiken vermutet Smith daher Methode: „Ich denke, dass die Verkäufer jetzt erkannt haben, dass es sehr schwer ist, Vier- oder Fünf-Sterne-Rezensionen vorzutäuschen“, sagte er der BBC. „Sie sagen also ‚Lasst uns stattdessen die Konkurrenz zu Fall bringen, damit wir mit unseren Bewertungen im Vergleich besser abschneiden‘“.

Bereits wenige schlechte Bewertungen genügen
Es geht schließlich um viel: Dem Bericht nach haben Drittanbieter seit 2015 jedes Jahr mehr physische Güter über Amazon verkauft als der Online-Händler selbst, und damit gesamt weltweit etwa 165 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Und bereits wenige schlechte Bewertungen können laut Smith einen entscheidenden Einfluss haben: „Das Traurige ist, dass man 50 positive Rezensionen haben kann, aber wenn man ein oder zwei Ein-Stern-Bewertungen hat, dann wird es sehr schwierig sein, sich im Wettbewerb zu behaupten.“

Unter dem zunehmenden Wettbewerbsdruck geraten daher auch vermehrt ehrliche Rezensenten ins Visier der Händler. So berichtet die Verbraucherschutzorganisation Which?, dass die Verfasser negativer Bewertungen mitunter von Händlern genötigt würden, ihre Rezensionen wieder zu löschen. Die BBC berichtet von einem Fall, in dem ein Verkäufer aus China einer Frau sogar Geld geboten haben soll, damit sie ihre negative Kritik entfernt. Nach einer Beschwerde bei Amazon, dessen AGB Bestechungen oder gar Erpressungen verbieten, sei der Händler ausgeschlossen worden.

Katz-und-Maus-Spiel
Letztlich, ist Smith überzeugt, hinke Amazon in seinen Bemühungen, gefälschte Bewertungen zu entfernen, aber immer einen Schritt hinterher. Wenn eine Lücke geschlossen werde, werde eine andere gefunden, sagt er. „Ich glaube wirklich, dass Amazon seine Arbeit so gut wie möglich macht, aber ich denke, es ist ein bisschen wie ein Katz-und-Maus-Spiel.“

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