02.08.2020 12:15 |

Labor im Hochgebirge

Nobelpreisträger kehrt auf das Hafelekar zurück

Die Victor-Franz-Hess-Hütte hoch über Innsbruck wird renoviert. Wo einst der Nobelpreisträger Hess forschte, erhalten Besucher bald Einblick in die Welt der Physik und das Leben eines großen Gelehrten.

„Ein Nobelpreisträger? Allerhand!“ Der Wanderer pfeift anerkennend und versucht dann, durch die Scheibe das Innere der Hütte auszumachen. Keine einfache Übung. Das Bergpanorama spiegelt sich im Fenster und überstrahlt den Innenraum.

Der Wanderer steht vor einem unscheinbaren Bau gleich neben der Bergstation am Hafelekar hoch über Innsbruck. Ein Gebäude, das eine bemerkenswerte Geschichte beherbergt. Es ist die Geschichte des Physik-Nobelpreisträgers Viktor Franz Hess (1883-1964). Jener Mann, der als Entdecker der „kosmischen Strahlung“ gilt. Von 1931 bis 1937 forschte der gebürtige Steirer als Vorstand des neu gegründeten Instituts für Strahlenforschung an der Uni Innsbruck. Auf mehr als 2200 Metern Seehöhe fand er den idealen Ort für sein Strahlungs-Observatorium.

Seit einigen Tagen wird saniert und umgebaut
Seit wenigen Tagen tüfteln hier Bauarbeiter, Architekten, Ausstellungsmacher. Nach jahrelangem Hin und Her wird das Hochgebirgslabor - betreut vom Institut für Astro- und Teilchenphysik - saniert. „Nach wie vor finden hier Messungen zum UV-Index sowie zur Lichtverschmutzung statt. Aber das Gebäude entspricht längst nicht mehr den Anforderungen“, erläutert Baukoordinator Christoph Genser und zeigt auf Wasserschäden an der Wand, kaputte Fenster und Mobiliar aus Uromas Zeit. Mit 205.500 Euro übernimmt die Stadt die Hälfte der Sanierungskosten. Doch es geht dabei nicht nur um neue Holzschindeln an der Fassade, ein dichtes Dach oder gedämmte Fenster.

Forschungsgeschichte soll lebendig werden
„Hier soll Forschungsgeschichte erlebbar gemacht werden“, sagt Robert Gander vom Büro „Rath & Winkler“. Das Innsbrucker Unternehmen ist für innovative Ausstellungskonzepte bekannt. Dass man hier einen so authentischen und geschichtsträchtigen Ort bespielen dürfe, sei ein Glücksfall, meint Gander. Neben ihm steht Architekt Christian Höller und pflichtet bei. Gemeinsam fand man für die Franz-Hess-Hütte eine dezente, aber vielsagende und geistreiche Adaptierung. „Das hat sich der Ort verdient, das hat sich der Nobelpreisträger verdient“, meint Höller und breitet den Plan aus.

Blick in das Labor des Nobelpreisträgers
Weniger ist mehr - so lautet die Devise. Ein kleiner Durchgang an einem Eck des Gebäudes wird in Zukunft ein „Eintreten in die Geschichte“ ermöglichen. Wo sich heute Interessierte an der spiegelnden Scheiben abmühen, soll der Blick ins Herzstück des Labors endlich uneingeschränkt möglich sein. Der Blick auf jenen originalen Steinke-Apparat, an dem Hess Tage und Nächte saß, um die Höhenstrahlung einzufangen. Der Besucher soll erahnen können, wie groß der Einsatz jener ist, die ihr ganzes Leben der Lösung einer Frage widmen. Mit 1,5 Tonnen Blei als Schutzschild ist der Steinke-Apparat bestückt. Ohne die wenige Jahre zuvor eröffnete Nordkettenbahn hätte Hess diese Last 1931 nie ins Hochgebirge gebracht.

Blick in das Leben eines Unerwünschten
Auch einen Blick in das Leben des Nobelpreisträgers werden die Besucher werfen können. Ein Leben zwischen wissenschaftlicher Anerkennung und Demütigung und Vertreibung durch das NS-Regime. Dazu hat der Tiroler Autor und Physiker Klaus Reitberger eine einfühlsame Miniatur geschrieben. Das Stück wird in einem zweiten Raum als holografischer Film gezeigt werden - ebenfalls von außen einsehbar. „Wer durch die Fenster hereinschaut, soll eine Ahnung von der faszinierenden Person Hess bekommen, die Atmosphäre der damaligen Zeit spüren können“, erklärt Robert Gander. Auch Führungen sind geplant.

Ein Leben für die Physik
Die Geschichte von Victor Franz Hess ist eine wechselvolle: Der gebürtige Steirer wird 1931 Vorstand des neu errichteten Instituts für Strahlenforschung an der Universität Innsbruck. Innsbruck bietet dem Ordinarius ideale Bedingungen für seine Forschungen auf dem Gebiet der kosmischen Strahlung, die er 1912 bei einer Ballonfahrten entdeckte. Am Hafelekar lässt Hess eine Höhenstation zur weiteren Erforschung errichten. Den Platz wählt der Wissenschafter, weil wenige Jahre zuvor die Nordkettenbahn in Betrieb ging und so die Erreichbarkeit der Station garantiert ist. Einer der ersten Besucher ist der berühmte Rekord-Ballonfahrer und ebenfalls Physiker, Auguste Piccard. Auch ihn zog die kosmische Höhenstrahlung magisch an.

Nationalsozialisten wollten Hess nicht
1937 folgte Hess dem Ruf der Universität Graz. Viel Zeit blieb ihm dort nicht. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland wurde er aus politischen Gründen vorübergehend inhaftiert, an der Uni Graz in den Ruhestand versetzt und Mitte September 1938 fristlos und ohne Pension entlassen. Hess emigrierte mit seiner jüdischen Frau Maria Bertha in die USA, wo er fortan wissenschaftlich tätig war. Der Nobelpreisträger kehrte nur noch einmal für ein Gastsemester nach Innsbruck zurück. Die von ihm initiierte Messstation Hafelekar ist als Höhenstrahlungsobservatorium das einzige seiner Art in Österreich. 2003 wurden dort die Messungen zur kosmischen Strahlung eingestellt. Aber noch heute dient die Hütter der Uni als Forschungsstandort.

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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