29.07.2020 18:47 |

Brief an Merkel

Opfer wollen Entschädigung für Zugtickets ins KZ

Niederländische Opfer des Holocausts fordern in einem Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel Entschädigung für Transporte in die deutschen Vernichtungslager während der NS-Herrschaft. Deutschland müsse sich seiner Verantwortung stellen und den Opfern finanziell entgegenkommen, heißt es in dem Dokument. Erst im Vorjahr hatte sich die Niederländische Bahn zu einer Zahlung von rund 50 Millionen Euro an NS-Opfer verpflichtet.

Von 1941 bis 1944 waren aus den Niederlanden 107.000 Juden in die deutschen Vernichtungslager deportiert worden. Nur etwa 5000 überlebten. Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung war auch ein zynisches Geschäftsmodell der Deutschen Reichsbahn, die daran schätzungsweise Hunderte Millionen Reichsmark verdient hatte - bezahlt von den Opfern selbst. „Mit diesem Unrecht ist nie etwas geschehen“, sagt Holocaust-Überlebender Salo Muller (84) und fordert nun von Deutschland Entschädigung, stellvertretend für andere niederländische Opfer.

Reichsbahn rechnete pro Person und Kilometer vier Pfennige ab
Die Deutsche Reichsbahn war ab der Grenze für den Transport verantwortlich und rechnete bei der NS-Führung pro Person und Bahnkilometer vier Pfennige ab, Kinder zahlten die Hälfte. Der Transport in den Viehwaggons galt als Fahrt 3. Klasse. Die Kosten wurden zum größten Teil von den Juden selbst bezahlt. Mit Bargeld, das die Nazis ihnen in den Lagern abnahmen, geraubten Vermögen oder Zwangsabgaben der jüdischen Gemeinschaft.

Mullers Forderungen sind nur schwer durchzusetzen. Historisch sind die Fakten unbestritten, doch rechtlich ist der Fall kompliziert. Die Deutsche Bahn ist nicht Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn. Wer soll also belangt werden? „Es ist eine bundesdeutsche Verantwortlichkeit“, sagt Mullers Anwalt Axel Hagedorn. Nachdem die Niederländer bezahlt haben, nimmt der Druck auf Deutschland zu. Aber es steht auch einiges auf dem Spiel. Denn mit der Anerkennung könnte auch ein Präzedenzfall geschaffen werden für Verfolgte aus anderen Ländern.

Kläger genießt in den Niederlanden hohes Ansehen
Der 84-Jährige genießt in seiner Heimat als ehemaliger Betreuer von Rekordmeister Ajax Amsterdam und als Buchautor hohes Ansehen. Er erinnert sich noch genau an die letzte Begegnung mit seinen Eltern, die in einem Vernichtungslager ums Leben kamen. In der Hollandsche Schouwburg, dem Amsterdamer Theater, mussten sich die Juden vor ihrem Transport versammeln. „Bis heute Abend und schön brav sein“, hatte seine Mutter noch zu ihm gesagt, bevor ihn eine Kindergärtnerin mitnahm. Das ist auch der Titel seiner bewegenden Memoiren. Der Kindergarten war seine Rettung. Muller überlebte in acht verschiedenen Verstecken. Nach dem Krieg nahmen ihn Tante und Onkel auf.

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