10.04.2020 06:00 |

„The New Abnormal“

The Strokes: Mit neuer Lust am Rock‘n‘Roll

Sieben Jahre nach ihrem letzten Werk kehren die New Yorker Indie-Rock-Rüpel The Strokes mit „The New Abnormal“ ins Rampenlicht zurück. Darauf flirten sie auch mit New Wave und Disco, konzentrieren sich aber wieder verstärkt auf ihre liebgewonnenen Kernstärken.

Wer kennt es nicht. Der eigene Papa sprüht vor Stolz, will das die ganze Welt wissen lassen und sorgt beim Sprössling dabei für Sorgen, die er so gar nie haben wollte. Als der legendäre Songwriter Albert Hammond 2017 „The West Australian“ diktierte, dass der Sohnemann mit seinen Freunden ein neues Strokes-Album einspielen und von Kultproduzent Rick Rubin veredeln lassen würde, musste Hammond Jr. auf Twitter schnell zurückrudern und gab bekannt, dass man dem weißen Rauschebart, der von Slayer über Run-DMC bis hin zu Johnny Cash unzählige Karrieren prägte, nur lose Ideen vorspielen würde. Tatsächlich sind mittlerweile drei Jahre ins Land gezogen, bis das sechste Studiowerk „The New Abnormal“ auch tatsächlich das Licht der Welt erblickt. Die New Yorker, die sich schon immer mit Feuereifer auf ihre Solokarrieren stürzten, waren noch nie die Allerschnellsten wenn es um neues Material ging, aber die sieben Jahre seit dem umstrittenen Pop-Werk „Comedown Machine“ sind sogar für das lässige Quintett eine ordentliche Wartezeit.

Solokarrieren prägend
Trotz all der Weissagungen, der Indie Rock wäre längst tot und die Strokes eine kultige, aber längst verblichene Fußnote der Musikgeschichte, muss man knapp 20 Jahre nach dem explosiven Debüt „This Is It“ zumindest zugeben, dass man ihnen wohl nicht zugetraut hätte, solange in der Originalbesetzung zu existieren. Die Ausflüchte in eigene Sphären waren ihnen aber immer wichtig. Etwa Casablancas psychedelische, von Desinteresse durchzogene Solokonzerte, Hammond jr. Solowerke, die sich unter anderem um seinen totgeborenen Zwillingsbruder drehten und seine Liebe zu schnellen Boliden auf der Formel-1-Rennstrecke, Schlagzeuger Morettis Ausflüge in die Bolero- und Folk-Welt, Synthie-Pop-Fan und Schönling Nick Valensi und der unscheinbare, aber bei den Fans göttlich verehrte Nikolai Fraiture. Sie alle haben rund ums Millennium nicht nur den Indie Rock global gemacht, sondern den Arctic Monkeys, den Libertines oder auch den Hives den Boden für ihre famosen Erfolge geebnet.

„The New Abnormal“ nun also. Eine Rückbesinnung, ohne nostalgisch zu werden. Die Strokes versuchen erst gar nicht, sich als Twentysomethings zu inszenieren, sondern tragen es mit Würde, am 40er zu kratzen oder ihn gar schon überwunden zu haben. Lederjacken, Converse und zerrissene Jeans gehen sich schließlich noch immer aus und neben Synthie-Abenteuern wie „Brooklyn Bridge To Chorus“ oder „Eternal Summer“ bleibt anno 2020 auch wieder mehr Platz für Hemdsärmeligkeit. „Der Rock ist unmittelbar“, erzählte uns Albert Hammond Jr. im „Krone“-Gespräch, „ich mache mir oft Gedanken darüber, wie ich in einem Genre leben kann, das Selbstzerstörung bis zum Exzess romantisiert. Ich bin heute wesentlich kreativer als früher, wo Alkohol und Drogen auf der Tagesordnung standen. Was aber noch immer nicht heißt, dass ich mich angekommen fühle.“ Dieses Nichtangekommensein ist gewiss ein erklecklicher Teil der Frische, die die Strokes auch nach zwei Dekaden durchzieht. Sie haben noch immer was zu sagen und reißen live noch immer gerne die Bretter aus den Angeln - zuletzt gesehen u.a. in London oder Berlin.

Zeitlosigkeit
Natürlich fehlt ihnen heute das Kompromisslose. Die Durchschlagskraft junger Menschen, kaum noch wirklich Männer, die sich ihren Weg in der Welt freischlagen müssen und wollen. Und dennoch klingt „The New Abnormal“ in seinen besten Momenten erfrischend und überhaupt nicht fahrig. Den klassischen Rock’n’Roll zelebriert man nun eben etwas zurückgelehnter, die Synthie-Spuren und Ausflügen in den Pop lässt man sich aber nicht nehmen, nur das von Casablancas solo so gefeierte Psychedelische hat ihnen Rubin wohl doch ausgeredet. „Bad Decisions“ erinnert doch etwas zu sehr an Billy Idols „Dancing With Myself“ und die abschließende „Ode To The Mets“ erinnert in ihrer L’amour-Hatschrigkeit fast an einen amerikanischen Schlagergarten, doch ansonsten schlagen die Kompositionen trotz all ihrer Zeitlosigkeit überraschend gut ein.

Von einer großen Reife will Hammond Jr. nicht zwingend etwas wissen: „Das Wort ,reifen‘ klingt doch prinzipiell extrem langweilig. Ich mag die Idee, einfach zuzupacken und zu nehmen, was man will, um den Rest zurückzulassen. Natürlich braucht man im Leben eine gewisse Reife, um Dinge zu planen und wichtige Entscheidungen zu treffen, aber ich mag auch meine Fähigkeit, mich treiben zu lassen und spontan entscheiden zu können. Wenn man immer neue Wege probiert und sich gegen das Feststecken wehrt, dann verändert das die Sicht auf die Musik automatisch.“ Für Hammond Jr. war immer klar, dass die Strokes nur gemeinschaftlich in der Öffentlichkeit auftreten, das auch medial. Dass ausgerechnet ihr Wunsch-US-Präsident Bernie Sanders in der Album-Release-Woche das Handtuch geschmissen hat, wird die fünf New Yorker nicht davon abhalten, auch weiterhin politische Stimmen zu ergreifen.

In Würde gealtert
Hammond Jr. und Valensi kooperieren als Gitarrenduo so nahe und akkurat wie eh und je und Casablancas kommt vor allem in Songs wie „Selfless“ oder der Single „At The Door“ auch mal in neue Sphären. Ob man mit „The New Abnormal“ das Publikum bewusst zufriedenstellen will, bleibt angesichts der Vita der Strokes offen, es gelingt ihnen mit dem gut vermischten Soundgebräu aus 20 Jahren Karriere aber besser als auf den letzten zwei Werken. Wer sich nach den harschen, ungezwungenen Frühjahren zurücksehnt wird auch mit diesem Werk kein vollkommenes Glück finden, doch muss man Casablancas und Co. zugutehalten, dass sie in Würde gealtert sind, ohne an Verve und Esprit eingebüßt zu haben. Hoffen wir nun auf ein paar ausgedehnte Touren, wenn das Livespielen wieder salonfähig wird.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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