27.01.2020 07:15 |

Verdachtsfälle in Wien

Coronavirus: „Wir müssen sehr aufmerksam sein“

Beim neuartigen Coronavirus hat sich ein erster Verdachtsfall in Wien nicht bestätigt, dafür wurde ein zweiter bekannt. Derzeit wartet man auf die Ergebnisse der Blutuntersuchungen einer chinesischen Staatsbürgerin, die in der Bundeshauptstadt lebt und in China Urlaub gemacht hat. „Wir müssen sehr aufmerksam sein“, betonte der medizinische Direktor des Wiener KAV, Michael Binder, am Sonntag. Er betonte aber, dass für Österreicher „kein Grund zur Sorge“ bestehe. Unterdessen ist die Zahl der Toten in China auf mindestens 80, die der registrierten Erkrankungen auf mehr als 2700 gestiegen.

„Die Wiener Spitäler sind gut gerüstet“, ist Michael Binder überzeugt. Die Pläne würden sowieso laufen, auch aufgrund der Influenzawelle. „Wir können der weiteren Entwicklung mit professioneller Gelassenheit entgegenblicken“, erklärte Binder in der ORF-Diskussionssendung „Im Zentrum“. Besteht der Verdacht einer Ansteckung mit dem Coronavirus, sei es sinnvoll, als Erstes die Rettung oder auch die „Gesundheitshotline 1450“ anzurufen, so Binder weiter.

KAV-Direktor empfiehlt Grippeimpfung
Auch könne man sich an alle österreichischen Ärzte und Allgemeinmediziner wenden, am besten zunächst telefonisch, um seinen Fall zu erklären. Wichtig sei zu wissen, ob überhaupt eine Ansteckung möglich sein könnte, also etwa ob die Person in den letzten 14 Tagen in China war. „In den allermeisten Fällen wird es eine Grippe sein“, meinte Binder. „Da empfehlen wir immer noch das Impfen.“

Einsatzstab im Innenministerium berät am Montag
Das Innenministerium beruft für den Montag einen Einsatzstab ein, um über die weitere Vorgehensweise zu beraten. Insgesamt sind daran fünf Ministerien beteiligt. „Das ist eine Gruppe, die in Krisensituationen oder wenn Krisen entstehen könnten, zusammenkommt. Falls es einen Fall gibt, wollen wir in allen Bereichen bestens vorbereitet sein“, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), der ebenfalls zu den geladenen „Im Zentrum“-Gästen gehörte. Zu derartigen Lagebesprechungen komme es relativ häufig. Am Montag sollen daraus auch Handlungsempfehlungen resultieren.

Wie gefährlich das neue Virus nun tatsächlich ist, lässt sich laut Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin der Infektiologie an der MedUni Wien, zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen. Das neue Coronavirus sei dem SARS-Virus sehr ähnlich, die „Verläufe dürften bei diesem aber schwerwiegender sein“. Die Verläufe müssten jetzt genau beobachtet werden.

„Situation in China nicht mit jener in Europa vergleichbar“
Eine spezifische Therapie bzw. Prophylaxe gibt es nicht, behandelt wird symptomatisch. Eine Impfung werde nicht vor 2021 erhältlich sein, meinte die Expertin. „Immer, wenn etwas unbekannt ist, ist die Frage nach einer Impfung sehr groß. Das Neue, Unbekannte, wird auch medial ganz anders dargestellt.“ Gegen Influenza hingegen ließen sich nur wenige Menschen in Österreich impfen - was zeige, dass diese Erkrankung nicht richtig eingeschätzt werde. Die Situation in China sei jedoch nicht mit jener in Europa vergleichbar. „In China kommen Menschenmassen zusammen und der Lebensstil ist anders.“

Übertragung von Fledermäusen auf Schlangen und dann auf Menschen
Nach neuesten wissenschaftlichen Daten erfolgte die Übertragung von Fledermäusen auf Schlangen und dann auf den Menschen. Schlangen würden in China gern gegessen, ihr Blut werde direkt getrunken, berichtete Wiedermann-Schmidt. Die genaue Herkunft des Virus sei aber noch unklar.

In China müsse nun verhindert werden, dass das Virus weitergetragen wird, um die Infektionskette zu stoppen. In Europa sei es wiederum am wichtigsten, das Virus möglichst schnell zu erkennen, Verdachtsfälle rasch zu identifizieren und dann entsprechend zu reagieren. Dies sei eindeutig das leichtere Unterfangen.

Chinesischer Botschafter: „Lage angespannt, aber Stimmung ist ruhig“
„Die Lage ist angespannt, aber die Stimmung dort ist ruhig“, beschrieb der chinesische Botschafter in Österreich, Li Xiaosi, die derzeitige Situation in der Stadt Wuhan und den betroffenen Provinzen. Li stammt selbst aus Wuhan. Im November und Dezember vergangenen Jahres, als er zuletzt seine Familie dort besuchte, seien das Coronavirus und die neue Lungenerkrankung aber noch kein Thema gewesen.

Laut chinesischen Experten befindet sich das Virus gerade in der Anfangsphase, sagte der Botschafter. Viele Notmaßnahmen seien inzwischen in China getroffen worden, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Zudem würden zwei neue Krankenhäuser gebaut. Den Informationsfluss der chinesischen Regierung hält Li für transparent - jeden Tag gebe es eine Pressekonferenz pünktlich um 8 Uhr, bei der der neueste Status mitgeteilt werde. „Ich glaube, es besteht eine sehr transparente Informationspolitik“, so der Botschafter. „Diejenigen, die versuchen, die Wahrheit zu vertuschen oder zu verheimlichen, werden nach dem Gesetz zur Rechenschaft gezogen.“

Rund 54 Millionen Menschen unter Quarantäne
Mit drastischen Reisebeschränkungen versuchen die chinesischen Behörden, die Ausbreitung des Virus in den Griff zu bekommen. Nach Wuhan steht inzwischen praktisch die gesamte Provinz Hubei unter Quarantäne, betroffen sind rund 56 Millionen Menschen. Vier Großstädte, darunter Peking und Shanghai, sowie die östliche Provinz Shandong setzten den Verkehr von Überlandbussen aus.

Die Regierung in Peking kündigte nun auch an, dass die Ferien über das laufende Neujahrsfest bis einschließlich Sonntag verlängert werden. Das Virus ist inzwischen in fast jeder Provinz oder Region des Landes aufgetaucht. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, schrieb am Sonntag auf Twitter, dass er „auf dem Weg nach Peking“ sei. Er wolle dort mit Vertretern der Regierung und Gesundheitsexperten über die jüngsten Entwicklungen und die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus beraten. Außer in China traten einzelne Infektionsfälle auch in anderen Ländern auf, darunter in den USA, Australien und Frankreich.

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