Erst im 3. Versuch

Wahlkrimi um Wulff vergrämt deutsche Kanzlerin Merkel

Ausland
30.06.2010 21:08
Nach drei Wahlgängen ist am Mittwoch der Christdemokrat Christian Wulff doch noch zum Bundespräsidenten von Deutschland gewählt worden. Zuvor hatte der Kandidat der schwarz-gelben Koalition zwei Mal keine absolute Mehrheit erreichen können. Diese erhielt er mit 625 Stimmen jedoch im dritten Wahlgang, in dem auch eine relative Mehrheit gereicht hätte. Damit bleibt für die letztlich erfolgreiche Regierungskoalition jedenfalls ein bitterer Beigeschmack.

Er freue sich auf die verantwortungsvolle Aufgabe, sagt der bisherige niedersächsische Ministerpräsident im Plenarsaal des Reichstags nach seiner Wahl im dritten Anlauf. "All denen, die eine andere Wahlentscheidung getroffen haben, bekunde ich selbstverständlich meinen Respekt", fügt er hinzu.

Merkel zu Beginn entspannt
Vorausgegangen ist ein Thriller mit Höhen und Tiefen, wie er spannender kaum sein kann. Und wohl von den wenigsten erwartet worden ist, auch nicht von Kanzlerin Angela Merkel. Um kurz vor 12 Uhr betritt die CDU-Chefin im schwarzen Kostüm betont gut gelaunt den Saal. Auch Wulffs Frau Bettina zeigt sich an diesem heißen Sommertag entspannt: Bereits vor der Wahl hält sie auf der Ehrentribüne einen netten Plausch mit Gauck, dem 70-jährigen DDR-Bürgerrechtler und früheren Chef der Stasiunterlagen-Behörde.

Dann der erste Paukenschlag: Ungewohnt offen kritisiert Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler. "Niemand von uns steht unter Denkmalschutz, weder die Parlamente noch die Regierungen, nicht einmal das Staatsoberhaupt. Kritik muss sein", sagt er.

Erster Wahlgang vergrämt die Kanzlerin
Der erste Wahldurchgang startet. Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe, der auf der Ehrentribüne sitzt, bloggt auf Facebook und mokiert sich darüber, dass seine "Sandkastenfreundin" Ursula von der Leyen als "Ursula von der Leine" aufgerufen worden sei. Kurz nach 14 Uhr weicht Merkels Lächeln einem ernsten Gesicht. Nur 600 Stimmen erhält ihr Kandidat Wulff, dabei stellen Union und FDP zusammen 644 Wahlleute. Jubel dagegen bei SPD, Grünen und Linken, als Lammert das Ergebnis für den rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck und die Linken-Kandidatin Luc Jochimsen bekanntgibt.

Um 15.15 Uhr startet der zweite Wahlgang. Merkel sitzt einsam an ihrem Pult im Plenarsaal, irgendwann gesellt sich Wulff zu ihr und beide reden angeregt miteinander. Wulff hat bereits Erfahrung mit Niederlagen, zwei Mal scheiterte er bei der Wahl zum niedersächsischen Ministerpräsidenten, erst im dritten Anlauf klappte es. Und auch diesmal verraten die Mienen der Beteiligten bereits vor der offiziellen Verkündung das Ergebnis. Wulff rollt mit seinem Stuhl unruhig hin und her, seine Hände sind verschränkt. Um 17 Uhr verkündet Lammert den nächsten Nackenschlag für Merkel: Wieder scheitert Wulff, hat nur 615 Stimmen, benötigt hätte er für die absolute Mehrheit 623.

Opposition wittert die Sensation
In der heißen Luft des Reichtags schwebt nun so etwas wie ein Hauch von Rebellion. Nicht nur Union und FDP sind überrascht von dem neuerlichen Scheitern Wulffs, auch SPD, Grüne und Linke. Die Rechenspiele beginnen. Was wäre, wenn die Linke doch ihren Schatten überspränge und im dritten Wahlgang für Gauck stimmte? Dazu noch eine paar weitere Abweichler aus Union und FDP - und die Sensation wäre perfekt.

Die Linken werden also zum Zünglein an der Waage. Immer wieder hatten sie betont, weder Gauck noch Wulff seien für sie wählbar. SPD- und Grünen-Delegierte versuchen Linke-Politiker zu überzeugen, auch die Partei- und Fraktionsspitzen sitzen noch einmal zusammen. Wolfgang Neskovic, Rechtsexperte der Linken, sagt aber: "SPD und Grüne hätten viel früher kommen können, um sich mit uns über einen gemeinsamen Kandidaten zu verständigen."

Überfüllte Toiletten blockieren die Linke
Die Delegierten der anderen Parteien sammeln sich bereits wieder im Plenarsaal, als die Linke dann um 18.15 Uhr endlich mit ihrer Sitzung beginnt. Die Verspätung liegt aber auch daran, dass die Toiletten überfüllt sind und die Delegierten lange Wartezeiten zu erdulden haben. Jochimsen werde auf eine weitere Kandidatur im dritten Wahlgang verzichten, erklärt Gysi dann nach der einstündigen Sitzung. Die Mehrzahl der Delegierten werde sich aber wohl enthalten - was den Sieg Wulffs bedeuten würde. Das empört den Grünen Werner Schulz, einen ehemaligen DDR-Bürgerrechtler so sehr, dass er in die Pressekonferenz brüllt: "Versagen der Linken!"

Merkel und Co. wirken vor dem dritten Wahlgang deutlich entspannter. Dazu trägt auch Lammert bei. Er erklärt, er wolle einen "Beitrag zur Humanisierung der Bundesversammlung" leisten und eröffne bereits jetzt das Büfett auf der Fraktionsebene im dritten Stock. Es handele sich allerdings um eine "nicht unproblematische Innovation des Parlamentarismus", ironisiert Lammert weiter. Er hoffe, dass die Delegierten trotz des Essens ihre Stimme abgeben würden. Das machen sie. Als Lammert das Ergebnis verkündet, brandet minutenlanger Applaus auf. Kanzlerin Angela Merkel umarmt ihren Kandidaten, der sich letztlich mit 625 Stimmen doch noch "absolut" durchgesetzt hat. Und von CSU-Chef Horst Seehofer gibt es gar ein Küsschen.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Ausland
30.06.2010 21:08
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung